Die frühen 70er Jahre gelten in der Geschichte der TSV als Zäsur. In einer für den Verein nicht ganz einfachen Phase übernahm Karl Rebell die Leitung der Turnabteilung. Gerade war die Bundesligariege der Männer wegen verletzungs- und berufsbedingter Ausfälle in die 2. Liga abgestiegen. Auch im Breiten-sport standen dem Verein einschneidende Verände-rungen ins Haus. Neu war beispielsweise die Einrichtung einer Volleyballgruppe, die unter der Leitung von Ewald Schreiner das Training aufnahm und schon bald Wettkampferfolge erzielen konnte. Während sich die TSV-Leichtathleten 1970 auf eigene Beine stellt und eine eigene Abteilung gegründet hatten, trat Marlies Beier an die Spitze einer neuen Mädchengruppe “für allgemeines Turnen, Gym-nastik und Tanz”. 1973 wurde auch eine Judo- und Karateabteilung aus der Taufe gehoben.

Überhaupt maßen die Verantwortlichen der Schüler- und Jugendarbeit immer größere Bedeutung bei. Und schon bald wurden die Früchte der Nachwuchsför-derung geerntet: Bei verschiedenen Wettkämpfen konnten ab 1974 zahlreiche vordere Plätze belegt werden. In einem Zeitungsinterview kam Willi Jaschek in jenen Tagen zu dem Schluß: “Den Bundesligarummel konnten wir uns finanziell nicht mehr erlauben, und da die Bundesligarunde sowieso nur noch alle zwei Jahre zustande kommt, war der Neuanfang jetzt schon besser.”

Während Jaschek in den 60er Jahre seine Erfolge gefeiert hatte, war in Langen ein erst vierjähriger Knabe von seinem sportbegeisterten Vater im Turnen unterweisen worden. Ende 1973 war Daniel Winkler, so der Name des jungen Talents, zur TSV gestoßen. Im Jahre 1976 errang er seinen ersten großen Erfolg: er wurde Hessischer Schülermeister. Im Jahre 1975 übernahm Helmut Kettner aus den Händen von Adam Holzamer die Amtsgeschäfte der TSV. Nach Kettners Tod 1978 trat Karl Rebell an die Spitze des Vereins.

Derweil begannen die Heusenstammer Turner, die mittlerweile freiwillig aus der Bundesliga ausgestiegen waren, mit dem mühsamen Neubeginn. Das Team, das zunächst in der Landesliga 2 antrat, bestand fast ausschließlich aus Jugendlichen. Bereits 1977 konnte der Aufstieg in die nächst höhere Klasse gefeiert werden. Beim TSV-Sommerfest des gleichen Jahres trat übrigens zum ersten Mal die neue Jazzgymnastikgruppe des Vereins unter Leitung von Renate Brehm in Erscheinung.

Ein großes Problem stellte in jenen Tagen aus Sicht des Vereins die stetig zunehmende Raumnot dar. Während der Sportbetrieb sich regen Zulaufs erfreute, reichten die Kapazitäten der TSV-Halle längst nicht mehr aus. Die Folge: Der Verein mußte einige seiner Übungsstunden in örtlichen Schulturnhallen anbieten. 1977 waren bereits 17 Übungsleiter für die TSV tätig.

Im darauffolgenden Jahr verfehlten die jungen Turner aus der Landes-liga 1 nur knapp den Aufstieg in die Regionalliga, der dann 1979 gelang. Nach einer “schöpferischen Pause” konnte im gleichen Jahr erstmals wieder ein deutscher Meistertitel errungen werden. Der 17jährige Daniel Winkler konnte sich als Deutscher Jugendmeister feiern lassen.

Schon 1980 stieg die Kunstturnriege um Winkler, der im gleichen Jahr bei den Jugendeuropameisterschaf-ten auf dem 11. Platz landete, und Oliver Gesing in die 2. Bundesliga auf. Zu der Gruppe gehörten ferner: Thomas Aeschlimann, Rüdiger Döbert, Stefan Figge, Thomas Herr, Peter Ries und Joachim Wessely. Sie alle trugen dazu bei, daß sich die TSV 1981 in der 1. Liga wiederfand - ein Triumph der besonderen Art, der dadurch gekrönt wurde, daß Oliver Gesing im gleichen Jahr auch noch Deutscher Jugendmeister im Zwölfkampf wurde. Doch die Freude hielt nicht lange an. Weil im kommenden Jahr alle Kämpfe verloren wurden, war die Rückkehr in die Zweitklassigkeit nicht zu verhindern. Ein Grund dafür mag gewesen sein, daß Winkler nach einem Achillessehnen-Abriß zu diesem Zeitpunkt für ein Jahr außer Gefecht gesetzt war.

Abseits der Wettkämpfe wandelte die Turn- und Sportvereinigung auf immer neuen Pfaden: Die Hausfrauengruppe war mittlerweile auf rund 100 Aktive angewachsen, die Volleyballgruppe hatte den Aufstieg in die A-Klasse geschafft. Nachdem auch Rhythmische Sportgymnastik ins Programm aufgenommen worden war, erweiterte sich das Angebot 1983 auch um eine Bad-mintongruppe und die Bowling-Abtei-lung. Letztere er-freute sich regen Zulaufs und konnte sich schon nach wenigen Monaten als Hessische-Vizepokalmeister feiern lassen. Neu war auch eine Breitensportgruppe, die sich dem Erwerb des deutschen Sportabzeichens widmete. Ebenfalls 1983 kam es wieder zu einem Wechsel an der Vereinsspitze: Zum neuen Vorsitzenden wurde Hans Knab gewählt, der seinerseits nach zwei Jahren von Ernst Weber abgelöst wurde. Seither führt Weber die TSV an.

1983 weihte die Stadt das “Sport- und Kulturzentrum Martinsee” ein. Wohl als Anerkennung für die großen Erfolge der TSV-Mitglieder war auch eine Kunstturnhalle errichtet worden, die dem Verein optimale Trainingsmöglichkeiten bietet. Der Erfolg blieb nicht aus: Im darauffolgenden Jahr nahm mit Winkler wieder ein Heusenstammer Turner an Olympischen Spielen teil. In Los Angeles landete die Mannschaft aus Deutschland auf dem vierten Platz. Im Einzelturnen wurde Winkler im Zwölfkampf Dreiundzwanzigster, am Barren erstritt er sich den siebten Rang. Unmittelbar im Anschluß an die Olympiade stieg die TSV-Männerriege wieder in die 1. Bundesliga auf. Zu den besten Turnerinnen des Vereins gehörte in den 80er Jahren, in denen Wolfgang Hillebrand die Abteilung leitete, Andrea Nitsch.

1984 war das Jahr, in dem den TSV-Musikern eine besondere Ehre zuteil wurde: Der Musikzug erhielt den Kulturpreis des Kreises Offenbach.

Genau 20 Jahre nachdem Willi Jaschek in Hannover seine erste deutsche Meisterschaft gewonnen hatte, gelang Winkler 1985 just am selben Ort der gleiche Erfolg. Heinz Höf und Jaschek organisierten anläßlich von Winklers nächtlicher Heimkehr vor dessen Wohnhaus einen Empfang, der sogar die Aufmerksamkeit der Polizei erregte. Achter in Hannover war übrigens Matthias Rießland geworden, ebenfalls ein TSV-Turner. In diesem Jahr zählte die Turnabteilung bereits mehr 1.000 Mitglieder. Doch nicht alle übten sich an Reck und Barren, Ballspieler und Wanderer gehörten ebenso dazu.

Am Deutschen Turnfest in Berlin 1987 nahmen 48 Vereinsmitglieder teil. Winfried Glaser, bereits über 50 Jahre alt, konnte sich in seiner Altersklasse (1.661 Teilnehmer) den achten Platz erkämpfen. Und Carmen Seibert wurde Siegerin im Wahlkampf der Frauen - unter 4.511 Teilnehmerinnen. Auch mit Daniel Winkler ging es nach einem Jahr der Verletzungen 1987 wieder berg-auf: Nach dem erneuten Erringen der Hessenmeister-schaft wurde er bei den Deutschen Meisterschaften im Olympischen Zwölfkampf mit dem sechsten Preis ausgezeichnet.

Was den Kunstturnern 1987 noch einmal gelang, nämlich der Klassenerhalt, scheiterte 1988. Es gelang dem Heusenstammer Verein nicht, noch einmal eine komplette Erstligamannschaft aufzustellen. Da es dem hessischen Konkurrenten der TSV, der SV Weiskirchen, ebenso erging, beschlossen beide Vereine, eine gemeinsame Mannschaft unter dem Namen “Kunstturnverein-Heusenstamm-Weiskirchen” ins Rennen zu schicken. Eine Vernunftehe, keine Liebesheirat... Die Liaison dauerte nur ein Jahr. Befriedigende Ergebnisse konnten nur in der 1. Bundesliga erzielt werden. Die Folgen für die TSV lagen auf der Hand: 1989 turnte der Verein wieder auf sich gestellt freiwillig nur noch als Zweitligist.

Seinen letzten internationalen Erfolg feierte Winkler 1988 in Seoul, wo er als bester deutscher Turner fehlerfrei abschnitt. In den frühen 90er Jahren zählten dann Nils Decher aus Neu-Isenburg und Achim Fräsdorf zur ersten Garde der TSV, die 1993 mit dem Rumänen Julian Olariu einen qualifizierten Trainer verpflichten konnte.

Stichwort Frauenturnen. Die TSV-Damen waren 1986 in die erste Landes-liga aufgestiegen, dreimal in Folge konnte die Hessische Vereinsmeisterschaft gewonnen werden.

1993 (120 Jahre TSV) zählte allein die Turnabteilung 1.251 Mitglieder, davon gehörten 88 der Volleyball-gruppe, die in der Bezirksliga spielte, und 47 der Badminton-Gruppe an. Mangels aktiver Mitglieder wandelte sich die Bowlingabteilung zwei Jahre später in die Freizeitabteilung um.

Das letzte Jahrzehnt in der Vereinsgeschichte war eine Phase der wirtschaftlichen Konsolidierung. Im Jubiläumsjahr 1998 zählt die TSV 2.145 Mitglieder. Da fällt es schwer, sich die bescheidenen Anfänge vor 125 Jahren vorzustellen. Der zunächst kleine Turnverein hat den Wandel zu einem Großverein mit einem breiten Sport- und Musikangebot hinter sich. Heute geht es nicht mehr darum, den Kauf einer Trommel zu finanzieren. Heute bereitet das Raumproblem den Verantwortlichen Kopfzerbre-chen. Zu gering ist die Zahl der Übungsstätten, zu groß die Nachfrage an neuen sportlichen Aktivitäten. Die Lösung dieses Problems wird in den kommenden Jahren zu den Hauptaufgaben des Vereins gehören. An der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend sind wieder einmal Visionen gefragt...