In diesem Jahr kann die Turn- und Sportvereinigung 1873 e.V. Heusenstamm auf ihr 125jähriges Bestehen zurückblicken. Der Vorstand nimmt dieses besondere Datum in der Vereinsgeschichte zum Anlaß für eine Spurensuche. Die dabei entstandene Dokumentation beleuchtet die Anfänge der Turnbewegung vor Ort und zeichnet ihren Weg durch Höhen und Tiefen der Geschichte nach.

Es wäre vermessen zu glauben, die vorliegende Publikation könne einen allumfassenden Blick auf die Vergangenheit werfen. Ein entsprechender Versuch würde den Verein nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht überfordern. Es versteht sich daher von selbst, daß nicht alle Dokumente und Fotografien, die ich in den vergangenen Wochen und Monaten zusammengetragen habe, Eingang in das vorliegende Buch finden konnten. Ein Großteil des umfangreichen Materials wird daher während der Jubiläums-feierlichkeiten in einer Ausstellung im kleinen Saal der Turnhalle der Öffentlichkeit präsentiert.

Immer wieder taucht in den Schriften der Turn- und Sportvereinigung ein Satz auf, der an dieser Stelle nicht unkommentiert bleiben darf. “Eigentlich”, so ist oft zu lesen, “ist unser Verein schon 1845 gegründet worden.” Selbst wenn diese Aussage in der im Jahre 1873 begonnenen Chronik unseres Vereins zu finden ist, entspricht sie nicht ganz den Tatsachen. Es bleibt nur die Feststellung: Als die entsprechenden Passagen 1873 rückblickend in das Vereinsbuch eingetragen wurden, beließen es die Verantwortlichen bei einer recht oberflächlichen Betrachtung der Ereignisse, die Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Gründung und zum Verbot des ersten Heusen-   stammer Turnvereins geführt hatten. Ein direkter Bezug dieses Vereins zu dem im Jahre 1873 gegründeten “Nachfolger” ließ sich bislang nämlich nicht herstellen.

Im hiesigen Stadtarchiv habe ich ein Schreiben aus dem Jahr 1861 gefunden, aus dem hervorgeht, daß das Großherzogliche Kreisamt in Offenbach die Gründung eines neuen Turnvereins in Heusenstamm genehmigte. Doch zu dieser Gründung kam es nicht. Die Frage nach den Ursachen bietet ein weites Feld für Spekulationen. Ich möchte im folgenden meine Überlegungen zu diesem Themenkomplex kurz darstellen:

Wer sich mit der Geschichte der Turnvereine in der Region befaßt, wird sehr schnell feststellen, daß auch in diesem Bereich die Menschen auf dem Land vielfach die Aktivitäten der Städter aufgegriffen haben. In Heusenstamm ist das nicht anders gewesen. Schon früh hatte beispielsweise der Offenbacher Turnverein eine eigene Sanitätskolonne auf die Beine gestellt. Auch in Heusenstamm wurde der Beschluß gefaßt, eine solche Abteilung aus der Taufe zu heben. Es blieb allerdings bei dem Beschluß...

Ein zweites Beispiel: Der Turnwart des 1845 gegründeten Vereins, Georg Schultheis, trug einen Degen. Dies tat auch der berühmte Hanauer August Schärttner, der nach dem Scheitern des Pauls-       kirchenparlamentes 1849 eine Turnerwehr gründete und mit dieser Truppe nach Baden eilte, um dort den 2. Volksaufstand zu unterstützen. Dieses Unterfangen schlug fehl, Schärttner starb 1859 kaum 40jährig im Londoner Exil.

Meiner Einschätzung nach teilten die Heusen-   stammer Turner der ersten Stunde, von denen gesagt wird, es seien “junge, freigesinnte Männer” gewesen, die politischen Ansichten ihrer Hanauer “Kollegen”. 1848 hatten diese eine von der Volks-Komission an den Kurfürsten von Hessen gerichtete Petition unterzeichnet.

Darin hieß es: “Jetzt ist die Stunde gekommen, wo Sie zu zeigen haben, königliche Hoheit, wie Sie es mit dem Volke meinen.” Doch der Ruf nach Pressefreiheit und der Einheit des deutschen Volkes verhallte. Und während die Reaktion siegte, gehörten die Turner hier wie da zu den Verlierern.

Daß Verlierer nur wenige Freunde haben, zeigte sich meiner Auffassung zufolge auch 1861. Es blieb nur bei dem Versuch, einen neuen Turnverein in Heusenstamm zu gründen. Obwohl die Behörden grünes Licht gegeben hatten, fanden sich für den Verein offenbar keine Mitglieder. Die politische Gesinnung der Turner stimmte wohl mit der Mehrheitsmeinung nicht überein.

Ganz anders dann der im Jahre 1873 gegründete Verein. In einem Brief aus dem späten 19. Jahrhundert lässt sich deutlich erkennen, dass dieser nur aus “vorbildlichen Untertanen” bestand. Schon die Anrede in dem Schreiben an den Darmstädter Großherzog Ernst Ludwig dokumentiert dies: “Die allerunterthänigst unterzeichneten Vorstandsmitglieder des in Heusenstamm Kreis Offenbach am Main bestehenden Turnvereins, wagen es, sich dem Thron Ehrwürdiger königlichen Hoheit zu nahen und in Unterthänigkeit vorzutragen...”

Und weiter heißt es: “Da politische Bewegungen in unserer Vereinstätigkeit nicht gepflogen werden, herrscht nur Eintracht und Zufriedenheit unter uns.” Von dem Geist der 1848er Revolution war nichts mehr zu spüren. Getreu der Devise: Wer sich anpasste, konnte kein Verlierer sein.

Bei der Suche nach Dokumenten im Stadtarchiv ist mir auch ein Schriftstück aus dem Jahr 1888 in die Hände gefallen. Es handelt sich um den Antrag des Athleten-Clubs “Apollo”, der das Großherzogliche Kreisamt um die Genehmigung seiner Vereinsstatuten bat. Demnach existierten in Heusenstamm vor der Jahrhundertwende bereits drei Sportvereine: der Turnverein von 1845, der Athleten-Club und der Turnverein von 1873.

Mit Fug und Recht kann daher festgestellt werden: Die Heusenstammer sind schon sehr lange ein sportbegeistertes Völkchen...

Friedel Bauer