Über Trommeln und Pfeiffen mit Pauken und Trompeten - vom Spielmannszug zum modernen Blasorchester.

Mit einer Trommel fing alles an - und dies nicht etwa im Jahr 1909, sondern bereits 1873, als 22 junge Männer, begeistert von den Ideen des Turnvaters Jahn, den Turnverein in Heusenstamm gründeten. Als die allerersten notwendigen Turngeräte aus dem Erlös einer Tombola angeschafft wurden, war auch eine Trommel dabei - ganz offensichtlich gehörte sie für unsere Ur-Ur-Großväter zum Turnen dazu, und der damalige Tambour war ohne Zweifel der Urahn des Musikzuges.

36 Jahre gingen ins Land, bis 1909 dann offiziell ein Spielmannszug gegründet wurde. Anlaß war das 34. Gauturnfest, das auf den Seecheswiesen (Gebiet Schönborn-, Erzberger- und Wilhelm-Leuschner-Straße) in Heusenstamm stattfand. Der Turner Franz Horn, seit Jahren aktiver Spielmann, stellte für dieses Ereignis ein Trommlerkorps von 100 Schülern auf; der Auftritt war so begeisternd, daß der Spielmanns-zug sich auf Anhieb keinerlei Nachwuchssorgen machen mußte.

Unterbrochen durch die schweren Zeiten des Ersten Weltkrieges, begann schließlich 1934 mit Valentin Klasser von der Sportunion Mühlheim ein neues Zeitalter für die Musikfreunde aus Heusenstamm. Klasser, hochbegabter Musikpädagoge, übernahm die musikalische Leitung für Jahrzehnte. Die erfreuliche Aufwärtsentwicklung des Spielmannszuges wurde durch den Zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen: die Musiker mußten ihre Tätigkeit zwangsläufig einstellen.

Doch als Ende 1945 die Heusenstammer Turner und Sportler sich zur “Turn- und Sportvereinigung 1873” zusammenfanden, waren selbstverständlich auch die Spielleute dabei. Die ehemaligen Aktiven Jakob Döbert, Hans Paul, Hans Heberer, Jakob Grundel, Helmut Jaberg und Edmund Murmann fanden sich unter der Leitung von Jakob Döbert wieder zusammen; auch Valentin Klasser kehrte zurück.

In den folgenden Jahren trat der Spielmannszug nicht nur musikalisch an die Öffentlichkeit. Besonders nach dem Ausbau der Turnhalle 1954 wurden große karnevalistische Galasitzungen unter der Präsident-schaft von Hans Paul veranstaltet. Nach einer “schöpferischen” Pause werden die Sitzungen seit 1986 nach langjähriger Präsidentschaft von Kurt Hartmann nun bereits zum dritten Mal unter der Regie unseres Mitgliedes Karlo Albrecht wieder mit großem Engagement der Musiker und zur Freude der Heusenstammer Karnevalisten durchgeführt.

Auch musikalisch brachte das Jahr 1954 einen großen Erfolg: 12 Heusenstammer Spielleute nahmen an der Turn-Weltmeisterschaft in Rom teil und Hans Paul durfte den TSV-Spielmannszug bei einem Konzert von 20 Spielleuten aus der gesamten Bundesrepublik vor dem damaligen Botschafter in Rom, Clemens von Brentano, repräsentieren. 1959 - man feierte offiziell den 50. Geburtstag - begann für den TSV-Spielmannszug der Weg zum modernen Blasorchester. Die Spielstärke betrug 40 Mann, erstmals wurden drei Trompeten angeschafft. Dringend-stes Problem des Spielmannszuges in den folgenden Jahren war die Ausbildung einer großen Zahl von neuen Musikern an den verschiedensten Instrumen-ten. Aber die Mühen lohnten sich; bereits 1961 konnten beim Landestreffen der Spielmannszüge in Dudenhofen hervorragende Noten erreicht werden.

1963 - Abteilungsleiter war Valentin Sattler - wurde die Idee der “Fastnachtsrummel” geboren, die sich bald als finanzielles Rückgrat erweisen sollte und die Anschaffung neuer Musikinstrumente ermöglichte, die im Zuge der ständigen Weiterentwicklung benötigt wurden.

1966 wurde der Spielmannszug getrennt und ein Jugendspielmannszug gebildet. Jeder Jugendliche konnte schon während seiner Tätigkeit im Jugend-spielmannszug ein Blasinstrument erlernen, und sobald er es beherrschte, in den Musikzug überwechseln. Instrument und Ausbildung waren kostenlos und so setzte bald ein wahrer Ansturm musikbegeisterter Jugendlicher ein. Durch diesen “historischen” Vorstandsbeschluß wurden die Richtlinien für den Aufbau eines modernen Musikzuges geschaffen und der Weg zum heutigen Blasorchester geebnet. 1967 wurde dieser Wandel auch äußerlich sichtbar. Das gewohnte “weiß” der Spielmannsleute wurde durch eine modernere Garderobe abgelöst: die schwarze Hose und das weinrote Jackett mit dem Stadtwappen prägen noch heute das Bild des TSV Musikzuges.

1969 wurde das 60-jährige Bestehen mit einem Schaumarschieren von Militärkapellen aus England, Schottland, Frankreich und den USA gefeiert. 14 Spielmanns- und Musikzüge kamen zum Jubiläums-fest, dessen Schirmherr Franz Josef Strauß war. Bereits 1971 wurde das erste Kurkonzert in Bad Nauheim gestaltet, von dem die Zuhörer so begeistert waren, daß die Kurdirektion die Heusenstammer Musiker umgehend für das nächste Konzert verpflichtete und diese in der Folgezeit oft dort zu Gast waren. 1972 wurde Valentin Klasser verabschiedet und zum Ehrenpräsidenten ernannt. Sein Nachfolger als Dirigent des TSV Musikzuges wurde Willi Kauf-mann. Mit seinen musikalischen Fähigkeiten und seinem persönlichen Einsatz hatte er bei der bisherigen Entwicklung des Musikzuges mitgewirkt und sich darüber hinaus die Kenntnisse eines Dirigenten angeeignet. 1973 wurde der TSV-Musikzug - gleichsam als Bestätigung des erfolgreich zurückgelegten Weges vom Spielmannszug zum vollwertigen Blasorchester - in den Hessischen Musikverband aufgenommen. Im gleichen Jahr fand auch zum ersten Mal das Schloßkonzert statt, an dem sich gern befreundete Gastorchester aus dem In- und Ausland beteiligten und das inzwischen ein fester Bestandteil des Kultursommers der Stadt am Bannturm geworden ist. 1977 starb der langjährige Abteilungsleiter Valentin Sattler, erst 41 Jahre alt. Sein Nachfolger, der den Musikzug bis zum heutigen Tage leitet, wurde der bisherige stellvertretende Abteilungsleiter Paul Zahn.

1978 wurde das Orchester zu Rundfunkaufnahmen in das Studio des Hessischen Rundfunks eingeladen. Noch im selben Jahr wurde erstmals die Schubert-Messe in der Pfarrkirche Maria Himmelskron aufgeführt. 1980 fand das erste Kirchenkonzert in der Barockkirche St. Cäcilia statt. Beide Konzerte fanden sogleich große Resonanz unter den Musikfreun-den Heusenstamms und sind seitdem nicht mehr aus dem Jahreskalender wegzudenken.

Aus dem Jugendspielmannszug war in diesen Jahren ein Jugendblasorchester geworden. Auf diese Weise wurde ein gut ausgebildeter Nachwuchs geschaffen, der die erreichte Qualität des Musikzuges erhalten bzw. steigern sollte. 1974 hatte das Orchester bereits 40 Mitglieder und bestritt den ersten Teil der alljährlichen Herbstkonzerte; 1976 konnte es bereits auf seine erste Konzertreise gehen, die nach Bad Sachsa führte. 1978 verabschiedete sich Valentin Klasser, und Willi Kaufmann übernahm die Leitung auch dieses Orchesters. 1980 reiste das Jugendorchester nach Oxford und erwiderte damit mehrere Besuche englischer Orchester. Den bisher größten Erfolg dieses Jahrzehnts erzielte die Jugend im Juni 1981: als das Orchester den Landesmusikverband Hessen beim Bundesmusikfest in Villingen-Schwenningen vertrat, erspielte es einen “1. Rang mit Auszeichnung”. Als Lohn für eine stetige Aufwärtsentwicklung durften die Jugendlichen 1982 schließlich im Hessischen Rundfunk auftreten.

Die seit 1968 durchgeführten Herbstkonzerte bestätigen Jahr für Jahr die musikalische Weiterentwick-lung des TSV Musikzuges. Sie wurden zu musikalischen Höhepunkten. Im Jahr 1982, Willi Kaufmann war 10 Jahre Dirigent, wurden unter dem Motto “Im Zauber unvergänglicher Melodien” die größten Erfolge der vergangenen Jahre wie z.B. der “Florentiner Marsch”, ”Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordung” und “Choral and Rock out” mit einem Schlagzeugsolo von Thomas Uhl nochmals zu Gehör gebracht.

Fester Bestandteil des Jahresprogramms des TSV Musikzuges sind aber auch die Ausflüge zu befreundeten Vereinen nicht nur im Inland geworden. Bereits 1968 führte die Reise nach Sellrain in Österreich. 1970 besuchte das Orchester den Musikverein in Spiez in der Schweiz und begründete damit eine Freundschaft, die bis heute anhält. 1971 und 1979 war das Ziel die Partnerstadt St. Savin in Frankreich; Meran, Wasserburg am Bodensee, Hindelang (Oberjoch), Luxemburg, Bischofsgrün im Fichtel-gebirge, Ungarn, Ladispoli bei Rom, Geisleden in Thüringen und nicht zuletzt das Simonswälder Tal im Schwarzwald, das auch 1998 wieder das Ziel des Ausflugs sein wird, waren weitere Stationen. Höhepunkt der im Jahre 1980 durchgeführten Reise in den Schwarzwald war die Gestaltung eines Hochamtes im Straßburger Münster. Wo die Reise auch hinführte, stand stets nicht nur ausschließlich die Musik im Vordergrund, sondern es wurden auch in kameradschaftlicher Weise Land und Leute erlebt. Aber nicht nur das Große Blasorchester besucht Vereine im In- und Ausland: Bereits mehrmals verbrachte auch die Jugend Ferienfreizeiten in Ratschings/Südtirol. Diese jährlichen Ausflüge fördern den Zusammenhalt und das Zusammenspiel der Jugendlichen, was später auch dem Großen Blas-orchester zu Gute kommt.

1984, im Jahr des 75-jährigen Bestehens, zählte der TSV-Musikzug 117 aktive Musikerinnen und Musiker, 50 davon allein im Jugendblasorchester und 18 Jugendliche im “Vororchester”. Im Juni dieses Jahres fanden die Jubiläumsveranstaltungen unter Mitwirkung des Heeresmusikkorps 5 aus Koblenz, der britischen Military Band der 4/7 Dragon Guards, der schottischen Military Band “The Gordon Highlanders” und den Clan Pipers aus Frankfurt statt. Auf der Höhe seines Schaffens legte Willi Kaufmann den Taktstock aus der Hand. Die Stadt Heusenstamm ehrte seine Verdienste mit der Verleihung der Ehrenplakette. Auch Hans Paul erhielt 1984 diese Ehrung. Der TSV Musikzug erhielt Ende des Jahres eine weitere große Auszeichnung: Den Kulturpreis des Kreises Offenbach.

1985 gestaltete der Musikzug die Feierstunde zur Rückverschwisterung mit der englischen Stadt Tonbridge & Malling mit. In diesem Jahr fand sich auch nach einem gescheiterten Versuch, mit Musik-direktor Alfred Pfortner aus Mörfelden-Walldorf ein erstklassiger neuer Dirigent, der dem Musikzug bis heute vorsteht. 1987 bildete ein Auftritt einer kleinen Gruppe in der 6-teiligen Fernsehserie “Die Wilsheimer”, u.a. mit Iris Berben, einen musikalischen Höhepunkt. 1991 nahm der TSV Musikzug an der Verschwisterung mit der belgischen Stadt Malle teil. 1992 übernahm Thomas Uhl zur Entlastung von Alfred Pfortner die Leitung des Jugendblasorche-sters; in diesem Jahr trat auch zum ersten Mal die neu formierte Big-Band des TSV Musikzuges öffentlich beim Kerbkonzert auf. Eine weitere Auszeichnung erhielt das Orchester 1992: den Kulturpreis der Stadt Heusenstamm. 1994 fand wieder eine Aufnahme für den Hessischen Rundfunk statt.

Derzeit besteht das Große Blasorchester aus ca. 65 aktiven Musikerinnen und Musikern. Um weiterhin erfolgreiche Vereinsarbeit zu gewährleisten, bemüht sich der TSV Musikzug seit Jahren verstärkt um den Nachwuchs. 1996 wurde eine musikalische Früher-ziehung ins Leben gerufen, in der nun bereits zwei Gruppen von Kindern im Alter zwischen 6 und 10 Jahren von qualifizierten Ausbildern behutsam an die Musik herangeführt werden. Unterstützt wurde diese Arbeit 1997 unter anderem durch die von der Offenbach-Post und dem Holzland Becker/ Obertshausen ins Leben gerufene Aktion “Klingende Vereinskasse”.

Der Vorstand zum Beginn des Jubiläumsjahres:

Abteilungsleiter   Paul Zahn

Stellvertreter       Helmut Fisch

Kassenwart         Hans Paul

Schriftführerin      Petra Barz

Stellvertreterin     Ilka Maier

Jugendleiter         Matthias Hittel

Jugend-Dirigent   Thomas Uhl

Notenwart und Archiv  Stefan Wächtler

Beisitzer              Stefan Lotz