„Gut Heil - Sieg Heil“ (1933-1945)

Seit 1904 hatte Bürgermeister Kämmerer an der Spitze der Heusenstammer Gemeindeverwaltung gestanden, nun - im Jahre 1933 - wurde er von den Nationalsozialisten “beurlaubt”. An seine Stelle trat Anton Fronauf, Mitglied der NSDAP. Die “Partei des Führers” hatte vor Ort bei den Wahlen nur wenige Stimmen auf sich vereinigen können. Tonangebend war in Heusenstamm seit der Jahrhundert-wende die SPD, deren Mehrheit erst zu bröckeln begann, als während der 20er Jahre die Kommunistische Partei immer größeren Zulauf erhielt. Während Versuche, das linke politische Lager zu einer “Arbeitereinheitsfront” zusammenzuschmieden, wie auf Reichsebene so auch in Heusenstamm scheiterten, konnte die NSDAP beispielsweise bei den Reichstagswahlen anno 1930 lediglich fünf Prozent der Stimmen ergattern. Auch bei der letzten (zumindest noch annähernd) freien Wahl im März 1933 machten nur 18,6 Prozent der Heusenstammer Wahlberechtigten ihr Kreuzchen dort, wo die neuen Machthaber es gerne gesehen hätten. Zum Vergleich: Im gesamten Reich kam die NSDAP auf 43,9 Prozent.

Ungeachtet dieser Ergebnisse ebnete das Ermächtigungsgesetz, dem außer SPD und KPD (viele Mitglieder der Kommunistischen Partei waren bereits verhaftet) alle im Reichstag vertretenen Parteien zustimmten, den Nationalsozialisten den Weg zur Macht: das Ende der Demokratie in Deutschland, der Beginn einer zwölfjährigen Diktatur.

Im Juni 1933 wurden alle Vereine, die dem “linken Spektrum” zugerechnet wurden, verboten. Ihr Besitz und Vermögen wurden beschlagnahmt. In Heusenstamm waren von diesen Maßnahmen der Arbeiter-Radfahrverein “Solidarität” , der Arbeitergesangverein Konkordia (gegründet 1910) und die Freie Turnerschaft (1921) betroffen. Alle anderen, als “bürgerlich” bezeichneten Vereine, zu denen man auch den Heusenstammer Turnverein rechnete, wurden im Sinne der neuen Machthaber “umgestaltet”.

Daß diese sogenannte Gleichschaltung nicht immer reibungslos über die Bühne ging, beweist ein Blick auf die Vorgänge, die im Mai und Juni 1933 in den Reihen des Turnvereins für Gesprächsstoff sorgten. Doch der Reihe nach: Im Saal des “Parlaments” fand am 26. Mai eine außerordentliche Versammlung der Turner statt, in deren Verlauf die “Gleichschaltung nach den Richtlinien der Deutschen Turnerschaft” vorgenommen werden sollte. Originalton damals: “Eine Rede muß in den Geist der nationalen Revolution einführen und die Aufgaben für den Turnverein im Rahmen der nationalsozialistischen Erziehung zur deutschen Volksgemeinschaft aufzeigen. Turnerlieder, Deutschlandlied und Horst-Wessel-Lied müssen zur Hochstimmung führen. Die Wahl des vorgeschlagenen und vom Gau bevollmächtigten, genehmigten Führers wird durch Aufstehen von den Plätzen vorgenommen. Der Führer übernimmt mit kurzem Treuegelöbnis sein Amt, setzt den parlamentarischen Grundsatz außer Kraft, Abstimmungen gibt es dann nicht mehr. Der Führer ernennt den Turnrat...”

An dem besagten Abend wurde Karl Eulenbach von seinen Pflichten als Vorsitzender des TV ent- bunden - und mit ihm der gesamte Vorstand. Der Ehrenvorsitzende der Turner, Karl Peter Benning, dankte den scheidenden Mitgliedern und schlug dann den bisherigen zweiten Vorsitzenden, Hans Klemenz (die treibende Kraft des Turnhallenbaus), als neuen Vereinsführer vor. Die Versammlung hatte keine Einwände. Die “Wahl” erfolgte einstimmig, anschließend bestimmte Klemenz den neuen “Turnrat”. Diesem Gremium gehörten folgende Personen an:

Karl Peter Benning als Ehrenführer; Hans Klemenz als 1. Führer; Anton Grundel als stellvertretender Führer, Dietwart (zuständig für die monatlichen Vereinsabende) und 1. Jugendwart; Andreas Lang als Oberturn- und Wehrwart; Karl Eulenbach als Ehrenturnwart; Georg Neumann als Presse- und Werbewart; Anton Kämmerer als 1. Schriftführer; Bernhard Kilian als 2. Schriftführer; Karl Schrodt als Schatzmeister; Johann Horch als 1. Fachturnwart; Jakob Döbert als 2. Fachturnwart; Ludwig Krämer als 2. Jugendwart; Leonhard Keller als 1. Wehrturnwart; Nikolaus Sahm als 2. Wehrturnwart; Kaspar Schönig als Zeugwart.

Interessant ist, daß neun dieser Männer bereits dem letzten frei gewählten Vorstand des Jahres 1932 angehört hatten. Vermutlich handelte es sich bei dem Vorgehen in den Reihen des TV um den Versuch, die Bestimmungen der Gleichschaltung durch ein einfaches Umverteilen der einzelnen Ämter zu umgehen. Konkret: Da die zuständigen staatlichen Stellen ein Verbleiben Karl Eulenbachs im Amt des Vorsitzenden offenbar abgelehnt hatten - ansonsten hätte Benning ihn ja als Vereinsführer vorschlagen können -, übernahm Klemenz den Vorsitz, und Eulenbach avancierte zum Ehrenturnwart. Doch die Behörden durchschauten diesen Versuch.

Deshalb fand am 23. Juni eine erneute Vereinsversammlung statt. Die Chronik berichtet: “Turner Andreas Lang eröffnete die Versammlung und gibt bekannt, daß die Ortsbehörde mit der am 26. Mai vorgenommenen Gleichschaltung nicht einverstanden sei.” Der (offizielle) Grund: Nach den entsprechenden Richtlinien konnte nur ein den “nationalen Verbänden” angehöriger Turner die Gleichschaltung vornehmen. Dies traf auf Klemenz offenbar nicht zu. Folglich wurde der von ihm “bestimmte” Turnrat aufgelöst. Lang schlug Martin Sahm als neuen Führer vor. Die Versammlung stimmte zu und Sahm ernannte den neuen Turnrat. Diesem gehörten nur noch drei Mitglieder aus dem Jahr 1932 an. Eulenbach, der 1942 starb, Klemenz, Kämmerer und andere Turner, die ihr Wirken viele Jahre in den Dienst des Vereins gestellt hatten, mußten ihren Hut nehmen. Dafür gehörte fortan der kommissarische Bürgermeister Anton Fronauf als Beisitzer dem Turnrat an. Etwa um die Vorgänge im Verein aus nächster Nähe zu beobachten? Der Chronist notierte jedenfalls: “Der Führer sowie seine Mitarbeiter gelobten, ihre ganze Kraft dem Verein sowie Volk und Vaterland zu widmen.”

Heusenstamm hatte 1933 rund 3.300 Einwohner. Darunter befanden sich auch 31 Bürger, die jüdischen Glaubens waren. Schon am 1. April 1933 riefen die Nationalsozialisten reichsweit zu einem “Judenboykott-Tag” auf, an dem Bürger unter anderem am Aufsuchen “jüdischer Geschäfte” gehindert wurden: Ein erster Schritt auf dem Weg zur Ausgrenzung. Über einen zweiten berichtet die TV-Chronik, ebenfalls im Jahr 1933: “Ferner konnten durch den in die Satzung der D(eutschen) T(urnerschaft) aufgenommenen Arierparagraphen 5 unserer Mitglieder nicht weiter in unserer Mitgliederliste geführt werden. Den ausgeschiedenen Mitgliedern wurde der Dank für ihre langjährige treue Mitgliedschaft ausgesprochen.” Aus anderer Quelle sind zumindest vier Betroffene bekannt: der Portefeuiller Moritz Eckmann (48 Jahre), der Portefeuiller Simon Eckmann (47), der Händler Emil Schönmann (61) und der Metzger Hugo Rollmann (36). Einige von ihnen hatten dem TV länger als ein Vierteljahrhundert angehört; alle Vier wurden am Tag nach der Reichspogromnacht (9. November 1938) verhaftet.

Auch an verschiedenen anderen Stellen in der Chronik tauchen immer wieder Personen auf, die zum Gottesdienst nicht die katholische Pfarrkirche, sondern die Synagoge in der Kirchstraße besuchten: Samuel Doiny (aktiver Turner, 1895), Simon Doiny (1904), Jonas Rollmann (1909 zum Ehrenmitglied ernannt), Leopold Frankfurter (lebte seit 1905 in Amerika, wurde 1912 von Vereinsmitgliedern empfangen), Isidor Gutenstein (1. Schriftführer, 1915), Alfred Reinhard (aktiver Turner, 1926), Moritz Eckmann (1929 für 25jährige Mitgliedschaft geehrt), Max Reinhard (aktiver Turner, 1930), Simon Eckmann (1931 für 25jährige Mitgliedschaft geehrt). Und natürlich Isidor Frankfurter, der langjährige Obmann der Gesangsriege und Fahnenträger, der 1914 zum Ehrenmitglied des Turnvereins gekürt wurde. Frankfurter starb 1928. Ihm blieb der Ausschluß aus seinem geliebten Verein erspart.

Viele Turner im Land reihten sich mit großer Begeisterung in die nationalsozialistische Bewegung ein, die die Leibesertüchtigung im Sinne von Altmeister Jahn als Grundlage der Landesverteidigung entdeckt hatte - die Bezeichnung “Wehrturn-wart” spricht für sich... Das Deutsche Turnfest, das vom 21. bis 31. Juli 1933 in Stuttgart stattfand, und an dem auch 30 Heusenstammer teilnahmen, bot die Kulisse für eine gigantische Propangdaveranstaltung - ein nationales Sportfest mit rund 600.000 Besuchern. Ein Turn-Funktionär gab zu Protokoll: “Wir wollen neben die braune SA und die grauen Stahlhelme die blauen Turner setzen, und wir haben den Ehrgeiz, daß unsere blauen Scharen den deutschen Kameraden von der SA und denen vom Stahlhelm weder an vaterländischer Zielklarheit noch an solidarischem Geist, noch an Wehrtüchtigkeit nachstehen.”

Abseits dieser politischen Ereignisse ging das sportliche Leben im Heusenstammer Turnverein weiter seinen gewohnten Gang. Heinrich Sahm beispielsweise landete im Zwölfkampf der Geräteturner in Stuttgart mit 167 Punkten auf dem 54. Platz. Adolf Daus jun. wurde im Fünfkampf 29ster. In ihrer Heimatgemeinde wurden die beiden Sportler nach ihrer Rückkehr begeistert gefeiert, unter anderem bewegte sich ein Fackelzug durch die Ortsstraßen. Bleibt noch zu erwähnen, daß das 60jährige Bestehen des TV zwar mit einer akademischen Feier begangen wurde. Das geplante Hauptfest jedoch fiel ins Was-ser. Schuld daran war diesmal nicht die Witterung. Schuld waren die “politischen Verhältnisse”.

Ende des Jahres 1933 wurde der alte Turngau Offenbach-Hanau aufgelöst, 20 Vereine aus seinen Reihen wurden anderen “Gliederungen der DT” zugewiesen. Die Chronik: “Hiermit hat eine Zusammenarbeit ihr Ende gefunden, die zum Teil fast ein Jahrhundert währte.” Die “neue Zeit” wirkte sich auf den traditionellen Weihnachtsball des Heusenstammer Turnvereins aus: Tanzmusik durfte auf obersten Befehl nicht erklingen. Neu war auch, daß an die Stelle des alten Turnergrußes “Gut Heil” der Ausspruch “Sieg Heil” trat, der in der Chronik immer wieder auftaucht. Bemerkung am Rande: Nach 1945 wurden von fremder Hand im Vereinsbuch zahlreiche “redaktionelle” Änderungen vorgenommen: Aus dem “Sieg” wurde wieder das “Gut”, aus dem “Deutschlandlied”, wurde das “Turnerlied”...

In den Jahren nach 1933 beteiligte sich der Verein nicht nur an sportlichen Wettkämpfen. Auch bei politischen Veranstaltungen waren die Abteilungen des Turnvereins immer wieder mit von der Partie. So beispielsweise bei der Stahlhelmfeier des Jahres 1934 (damals zählte der Verein 275 Mitglieder) und bei einer Kundgebung vor dem Hintergrund der Volksabstimmung im Saarland 1935: Auf dem Sportplatz brachte die TV-Gesangsriege das “Saarlied” zu Gehör. Auch an einer Feier auf dem Friedhof, die am 7. August 1934 zu Ehren des verstorbenen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg abgehalten wurde, nahm der Verein mit seiner Fahne teil. Bei dieser Gelegenheit intonierte die Sänger-riege das Lied “Der gute Kamerad”. Und nicht zuletzt traten Vereinsmitglieder des öfteren zugunsten des Winterhilfswerks und der NS-Volkswohlfahrt auf.

Erstmals seit dem Bestehen des Turnvereins beteiligte sich 1935 eine Heusenstammerin an den Wettkämpfen auf dem Feldberg. 80 Vereinsmitglie-er, die mit ihren Familien in den Taunus gewandert waren, konnten erleben, wie Gretel Kohlbacher in ihrer Altersklasse mit 42 Punkten auf dem 21. Platz landete. 1935 war auch das Jahr, in dem Turnwart Johann Horch und Josef Jäger eine Frauenabteilung aus der Taufe hoben (eine TV-Damenriege wird schon im Jahre 1906 erwähnt). Und unter der Leitung von Valentin Klasser aus Mühlheim kam es auch zu einer Neubildung des Spielmannszuges, der in den Vereinsfarben Blau und Weiß auftrat.

Im Mittelpunkt des sportlichen Lebens im Jahr vor den Olympischen Spielen in Berlin 1936 stand für die Heusenstammer Turner freilich das “Gaubefreiungsfest”, das nach der “Rückkehr des Saargebietes ins Deutsche Reich” im August 1935 in Saarbrücken stattfand. Neben einer Reihe von guten Einzelplazierungen - Peter Spahn erreichte im Siebenkampf der Jugend den fünften Platz - konnte sich der TV vor allem über die Note “sehr gut” freuen, die die Vereinsriege an zwei Hochrecken erstritt.

Das Jahr 1936 begann mit einem sportlichen Großereignis. Die TV-Chronik berichtet: “Schon zu Beginn des Jahres in den letzten Februarwochen setzte zugleich die Winterolympiade in Garmisch-Partenkirchen ein, die von herrlichem Wetter begünstigt einen glänzenden und erfolgreichen Verlauf für Deutschland nahm. Einen großen Kampf und Sieg brachte die Sommerolympiade vom 1. - 16. August in Berlin für unseren deutschen Sport. Unsere deutschen Turner und Turnerinnen feierten Triumpfe des Sieges. Konnte doch unsere deutsche Turnmannschaft 5 goldene, 1 silberne und 6 bronzene Medaillen erringen.” Übrigens: Mannschaftsführer der deutschen Turner war Martin Gebhardt, der 1928 Vereinsturnlehrer beim TV Heusenstamm geworden war.

Und noch eine historische Begebenheit findet sich in den Unterlagen des TV (1936): “Ein großer Tag von geschichtlicher Bedeutung war der 18. April, fand doch an diesem Tage der 23. und letzte deutsche Turntag der deutschen Turnerschaft in der Krolloper in Berlin statt.” Im Verlauf dieses Treffens wurde die Deutsche Turnerschaft aufgelöst. Damit endete die 75jährige Geschichte des Dachverbandes, an dessen Stelle nun für alle Turner im Land der “Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen” trat. Im gleichen Jahr kam es in den Reihen der Heusenstammer Turner zur Gründung einer Akrobatengruppe. Die Initiative hierzu ging von jenen Aktiven aus, die nach dem Verbot der Freien Turnerschaft im Jahre 1933 beim TV untergekommen waren.

Martin Sahm, der 1933 die Führung des Vereins übernommen hatte, und der in der Chronik als “alter Turner von echtem Schrot und Korn” bezeichnet wird, legte dieses Amt 1937 mit Blick auf sein “vorgeschrittenes Alter” nieder. Alle Bemühungen, einen Nachfolger für Sahm zu finden, scheiterten. Die Chronik: “Der Vereinsführer Sahm sieht sich daher veranlasst, den Geschäftsführer Anton Grundel zum stellvertretenden Vereinsführer zu ernennen und ihn mit der Führung des Vereins zu beauftragen, bis zur nächsten Versammlung, in der endgültig der Vereinsführer gewählt werden soll.” Grundel führte den Verein bis 1945.

Für den Turnverein brachten die 30er Jahre einen kontinuierlichen Aufschwung. Mit der Zahl der Mitglieder vergrößerte sich auch die Palette des sportlichen Angebots. Dies beweist folgender Eintrag in der Chronik aus dem Jahr 1937: “Zur Einführung des Faustballs und Korbballs für Turnerinnen wurde eine neue Sportplatzanlage neben der Turnhalle geschaffen, die uns von der Grfl. Schönborn’schen Verwaltung für ein Pachtgeld von 10. RM zur Verfügung gestellt wurde.”

Das erste “Deutsche Turn- und Sportfest”, das an die Stelle der früheren “Deutschen Turnfeste” trat, fand 1938 in Breslau statt: Am 23. Juli machten sich auch die Teilnehmer aus Heusenstamm mit dem Auto auf den Weg nach Frankfurt. Vom dortigen Südbahnhof aus fuhr ein Sonderzug in die rund 780 Kilometer entfernte schlesische Stadt. Die Rückfahrt konnte mit einer Reihe von Siegerurkunden angetreten werden. Zu den Preisträgern aus Heusenstamm gehörten: Karl Helm, Leonhard Keller, Hans Schultheis, Paul Voigt, Karl Wilhelm, Gretel Kohlbacher und Josefine Ott. Einen besonderen Eindruck dürften die Ereignisse in Breslau bei dem erst 15jährigen Hans Klemenz hinterlassen haben. Er durfte gemeinsam mit Valentin Klasser als Fanfarenbläser im Reichsspielmannszug mitwirken.

Das Jahr 1938, in dem der altgediente Turner Peter Paul Alt (60 Jahre hatte er dem Verein angehört) zu Grabe getragen wurde, ließen die Heusenstammer Turner gemeinsam ausklingen: “Am Sylvesterabend war dann die letzte Zusammenkunft der Vereinsmitglieder, die sich in großer Zahl in Jung und Alt eingefunden hatten. In gemütlichen Stunden verlebte man in echter treuer Kameradschaft die letzten Stunden des Jahres.”

Ob die Teilnehmer jener Veranstaltung wohl ahnten, daß diese Silvesterfeier die letzte einer nur 20jährigen Friedensperiode war? Denn während sich die Heusenstammer Turner im Laufe des Jahres 1939 um die Erweiterung ihres Sportplatzes neben der Turnhalle bemühten, dachte der Führer in Berlin gemeinsam mit seinen Getreuen über die Ausdehnung der deutschen Grenzen nach. Wieder einmal standen die Signale auf Krieg. Und auch für viele Heusenstammer zeigte sich nun der bittere Ernst einer Frage, die 1935 das närrische Motto einer Karnevalsveranstaltung der Turner gewesen war: “Wer will unter die Soldaten?”

Am 1. September 1939 war es soweit: Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen begann der Zweite Weltkrieg. Die Vereinschronik: “Der Kriegsausbruch am 1. September hat sich in unserem Vereinsleben empfindlich ausgewirkt. Er begann mit dem Feldzug gegen Polen. Eine Anzahl Vereins-kameraden wurden zum Heeresdienst eingezogen. Die Sängerriege stellte ihre Gesangsproben ein, wie auch der Spielmannszug seine Übungsabende. Überall herrschte Kriegsstimmung...” In den ersten Wochen des Krieges ruhte auch der eigentliche Turnbetrieb in Heusenstamm. Und zwar so lange, bis die Turnhalle den Verdunkelungsvorschriften entsprechend ausgestattet worden war.

Ausgerechnet in jenen düsteren Tagen des Jahres 1939 hatte der Turner Karl Rebell Grund zur hellen Freude. Rebell blickte auf eine 50jährige Mitgliedschaft in den Reihen des TV zurück. Und damit nicht genug. In all den Jahren war er stets aktiv gewesen – vor und hinter den Kulissen. Ein Eintrag in die Chronik würdigt sein Engagement: “Dieser verdiente Turner lebte wirklich für sein Ideal was ihm über alles stand, bei ihm gab es kein Wanken und kein Weichen. Keine Arbeit war ihm zu viel und keine zu groß... Seiner großen Zahl von Turnfestsiegen hatte er mit einem schönen Sieg auf dem Deutschen Turnfest in München im Alter von 50 Jahren einen herrlichen Abschluß gegeben.”

Ende des Jahres 1939 wurden 25 aktive Turner und 65 Turnerinnen gezählt. Die Kinderabteilung bestand aus 110 Mitgliedern, als Vereinsturnlehrer fungierte Georg Hoppner. Den 23 Angehörigen des Vereins, die bereits zum Militär eingezogen worden waren, ließ der TV über das neue Medium Rundfunk anläßlich der ersten Kriegsweihnacht herzliche Grüße übermitteln. Ferner konnten sich die Heusenstammer an der Front über eine “Liebesgabe mit Weihnachts- und Neujahrswünschen” aus der Heimat freuen: “So gedachte auch unser Verein seinen lieben und treuen Vereinskameraden in Dank und Anerkennung in dieser schweren Zeit.”

1940 war das Jahr, in dem auf Heusenstammer Gemarkung die ersten Fliegerbomben explodierten. Und während sich der Krieg in zunehmendem Maße auf den Alltag der Menschen auswirkte, versuchte auch der TV mit einer Reihe von Veranstaltungen für etwas Ablenkung zu sorgen. Beliebt waren beispielsweise die Turnabende, bei denen Angehörigen der Wehrmacht eine 50prozentige Ermäßigung beim Kauf der Eintrittskarten gewährt wurde. Nicht selten befanden sich unter den Gästen auch Offiziere und Mannschaften von zwei vor Ort stationierten militärischen Baukolonnen, in deren Beisein der Spielmannszug (auch ohne vorheriges Üben) Marschmusik zu Gehör brachte.

Während an den Fronten erbitterte Kämpfe tobten, lief in der Heimat das sportliche Kräftemessen auf Hochtouren. Ein Beispiel aus dem Jahr 1940: Am 21. April fand in Frankfurt der Gerätemannschaftskampf statt. Die Heusenstammer Riege, der Paul Voigt, Karl Grasmuck, Josef Jäger und Heinz Höf angehörten, erreichte den dritten Platz. Jäger, der als Jugend- und Frauenturnwart fungierte, erhielt kaum drei Wochen später den Einberufungsbefehl - “was für unseren Sportbetrieb einen großen Verlust bedeutete”, so die Chronik. Die Leitung der Turnerinnen übernahm Johann Horch. Übrigens: In jener Zeit feierte auch Adam Holzamer, der spätere Vorsitzende der Turn- und Sportvereinigung (TSV) Heusenstamm, als Jugendturner große Erfolge.

Hier die Jungen, dort die Alten: Am 21. Februar 1940 feierte Peter Karl Benning seinen 80. Geburtstag. An diesem Tag konnte er gemeinsam mit alten Weggefährten auf eine 65jährige Vereinszugehörigkeit zurückblicken.

Noch in den ersten Kriegsjahren bemühte sich der Verein recht intensiv um einen neuen Turnplatz, dessen Größe in der Chronik mit rund 1.200 Quadratmetern angegeben wird. Im Jahre 1942 heißt es: “Auch die neue Sportanlage soll fertig gestellt und in Betrieb genommen werden.” Vermutlich handelte es sich bei diesem Areal um ein 1941 gepachtetes Gelände an der Hohen Bergstraße, das “besonders für Handballspiele seine Verwendung finden soll”, so Vereinsführer Grundel, dem im gleichen Jahr für seine “besonderen Verdienste auf turnerischem und sportlichem Gebiet” der Ehrenbrief des Sportgaus “Hessen-Nassau” verliehen wurde.

Daß die Aufgaben abseits des Turnens zwischen den Geschlechtern durchaus im Sinne des nationalsozialistischen Gesellschaftsbildes verteilt waren, zeigt folgender Eintrag in der TV-Chronik: “Die laufenden Verbindungen zwischen Front und Heimat mit einberufenen Kameraden wird der Frauenabteilung übertragen.” Päckchen packen, Briefe schreiben, Socken stricken... Und der Lohn blieb nicht aus: “Eine große Zahl von Dankschreiben von unseren Kameraden gingen dem Verein aus allen Teilen der Fronten, den eroberten Gebieten, sowie aus den Garnisonen zu, welche in unserem Vereinsarchiv einen Ehrenplatz gefunden haben.”

Mit Fortschreiten des Krieges wurden die Grenzen zwischen “Front” und “Heimat” immer stärker verwischt. Dies spürten auch die Heusenstammer Turner: “Die Sieger- u. Jubilarenehrung fand am 15. Dez. statt. Infolge der Kriegsverhältnisse war es nicht möglich, diese Feier wie alljährlich im Vereinslokale abzuhalten, da das Lokal von Militär belegt war. So fanden wir uns im engsten Kreise im Lokale unseres Kameraden Albert Sahm zusammen.”

Die Silvesterfeier des Jahres 1940 nahm Vereinsführer Grundel zum Anlaß für einen Appell: Im Saal des Vereinshauses forderte er die Mitglieder auf, “auch im Kriegsjahr 1941 in stetem Kampf und
Einsatzbereitschaft für Verein und Vaterland sich einzusetzen”. Und weiter: “Helft mit unter der Parole ‘Weitermachen’, dann wird es uns gelingen auch das Kriegsjahr 1941, das Jahr der großen Entscheidung, das uns die Sicherstellung der ersehnten Freiheit unseres Vaterlandes (bringen soll), welche uns der Führer in seiner Neujahrsbotschaft verkündet hat, zu bezwingen.”

Doch auch das Jahr 1941 brachte keine Entscheidung, zumindest keine, die das Ende des Infernos erahnen ließ. Im Gegenteil: Im Sommer startete das “Unternehmen Barbarossa”, der Feldzug gegen Rußland. Im Januar 1942 wurde auch in Heusenstamm Bilanz gezogen: “Wenn wir an der Schwelle des neuen Jahres Rückblick auf das vergangene halten, so sind wir tief erschüttert über den Verlust von 5 jungen hoffnungsvollen Kameraden, die in den schweren Kämpfen in Rußland ihr Leben gaben. Die Zahl der gefallenen Kameraden hat sich dadurch von 4 auf 9 erhöht. Weiter sind 84 Vereinsmitglieder zum Heeresdienst einberufen.”

Georg Hoppner aus Neu-Isenburg, der zwölf Jahre lang den Turnbetrieb in Heusenstamm geleitet hatte, mußte sein Wirken mit Blick auf den Krieg im Jahre 1942 beenden. Gleiches galt für Emma Schleimkofer aus Offenbach, die als Vorturnerin die Regie bei den wöchentlichen Übungsstunden der TV-Damen gehabt hatte.

Auch das Jahr 1943 begann zunächst wie gewohnt mit den wöchentlichen Turnstunden. Doch schon die Jahreshauptversammlung am 7. Februar zeigte, dass sich die Rahmenbedingungen immer weiter verschlechterten. In der Chronik heißt es: “Zu Punkt 4 der Tagesordnung wies der Vereinsführer auf das 70 jähr. Bestehen des Vereins im Jahre 1943 hin, das man gern mit einer Festveranstaltung gefeiert hätte, dies war jedoch infolge des Krieges selbst im kleinsten Rahmen nicht möglich.” Das Jubiläum im Sommer wurde immerhin zum Anlass genommen, um einmal mehr den bis dato zwölf gefallenen TV-Mitgliedern zu gedenken. Grundel erinnerte an die Anfänge des Turnens in Heusenstamm und nannte die Namen der bisher 17 Vorsitzenden - von Heinrich Baum über Karl Rebell bis zu seiner eigenen Wenigkeit. 70 Jahre nach der Vereinsgründung betrug der Mitgliederstand 259. Drei Personen gehörten dem TV bereits seit mehr als 60 Jahren an. Neben Benning (68 Jahre) waren dies Georg Heberer (66 Jahre) und Johann Anthes (61 Jahre).

“Bei der Beerdigung des Jakob Helm war es der Sängerriege unter Leitung von Dirig. Köhler (aus Dietzenbach) noch möglich, auf dem Friedhof einige Lieder zu singen. Bei den folgenden Beerdigungen war dies infolge Einberufungen nicht mehr möglich”, berichtet die Chronik im vierten Kriegsjahr. Wenig später enden die Eintragungen in das Vereins-buch. Auch der letzte aktive Turner hatte die Sportkleidung gegen die Uniform tauschen müssen. Im Dezember 1944 wurde die Turnhalle, für deren Bau der TV so große Anstrengungen unternommen hatte, bei einem Bombenangriff schwer beschädigt. Umgehend wurde auch das Kinderturnen eingestellt, das Vereinsleben kam vollständig zum Erliegen. Eine Ära war zu Ende gegangen...