Ein Anblick schönster Harmonie

Während die Heusenstammer 1898 endlich ihren Bahnhof bekamen, konnte der Turnverein sein 25jähriges Bestehen feiern. Und auch bei diesem Anlaß zeigte sich, daß es der Wettergott mit den örtlichen Turnern alles andere als gut meinte. “Strömender Regen verdarb das ganze Fest”, heißt es in der Chronik. Dabei sollten die Feierlichkeiten ob des denkwürdigen Anlasses ganz besonders gut gelingen. Neben dem eigentlichen Jubiläum konnten sich die Vereinsmitglieder auch über die von “edlen Jungfrauen” gestiftete und durch Sammlungen finanzierte zweite Vereinsfahne freuen, die zum Preis von 550 Mark in Ravensburg angefertigt worden war. Das Banner wurde von Katharina Kämmerer überreicht. Josef Kilian, Franz Spohner und Georg Schultheis wurde besondere Ehre zuteil, weil sie die drei einzigen verbliebenen Gründungsmitglieder waren. Nicht zuletzt präsentierte der Verein seinen Gästen den neuen Turnplatz, dem laut Ankündigung bald auch eine Turnhalle folgen sollte.

Trotz des schlechten Wetters wurde drei Tage lang gefeiert - vom 9. bis zum 11. Juli - und zwar mit allem, was dazugehört: Lampionzug, Ansprachen, Gesangsvorträge, Weckruf (sonntags um 6 Uhr), Festzug, Tanz, Frühschoppen, Konzert und Schauturnen. Und zum Abschluß gab es ein “grosses Brillant-Feuerwerk”.

Aus dem Jahr 1898, in dem die Zahl der Mitglieder auf 146 stieg, sind auch die “Lokal-Statuten” des Turnvereins überliefert. In sieben Punkten wurde darin geregelt, wie sich die Mitglieder bei Treffen in der “Reichskrone” zu verhalten hatten. Einige Kostproben: Beim Betreten des Lokals war die Kopfbedeckung abzunehmen. Bei Versammlungen mußten sich die Teilnehmer “anständig und ruhig” verhalten. Und weiter galt: “Zöglingen, welche das 17. Lebensjahr noch nicht überschritten haben, ist das Rauchen und Kartenspielen in dem Vereins-Lokale nicht gestattet.” Verstöße gegen diese Vorgaben wurden mit Geldbußen bestraft. Wie sparsam der Verein wirtschaftete, zeigt der letzte Passus: “Vorstehendes Statut wird jedem Mitgliede gedruckt ausgehändigt. Beim Austritt desselben ist dasselbe wieder an den Verein abzuliefern oder der Betrag von 20 Pfennig hierfür zu entrichten.” Zum Vergleich: Der Lohn eines Industriearbeiters je Stunde betrug um die Jahrhundertwende nicht einmal eine Mark.

“Um die Wende des Jahrhunderts zählte unser Verein 118 Mitglieder.” So lautet der erste Eintrag in der Vereinschronik aus dem Jahr 1900, der zeigt, daß die Heusenstammer Turner in jenen Tagen mit einer starken Fluktuation zu kämpfen hatten. Anno 1900 endete die langjährige Amtszeit Karl Peter Bennings. Zum neuen Vorsitzenden wurde Anton Joseph Kämmerer gewählt. Der Sozialdemokrat Kämmerer war seit der Gründung des Vereins bereits der fünfte Vorsitzende - nach Heinrich Baum (1873-1875), Adam Schultheis (1876-1880), Johann Siegler (1881) und Benning (1882-1900). Zwar wurde Kämmerer im Januar 1904 noch einmal als Vorsitzender bestätigt, da er aber bei der Bürgermei-sterwahl wenige Wochen später siegte, mußte sich der Verein nach einer neuen Leitung umsehen. Während Kämmerer ein “Ehren-Diplom” überreicht wurde, kürten die Turner Peter Karl Helm zu ihrem Vorsitzenden.

Daß der Turnverein den Einsatz und die Verdienste seiner Mitglieder durchaus zu würdigen wußte, geht aus folgendem Eintrag in der Vereinschronik aus dem Jahr 1903 hervor: “In diesem Jahre wurde ein echter Turner zum Ehrenmitglied ernannt, ein Turner, der über 10 Jahre lang, jedes Jahr 2-3 Preise nach Heusenstamm brachte, die er sich auf Gaufesten, auf linksmain. Turnfesten, auf dem Feldberg, auf dem Leniaberg oder auf Jubiläumsfesten errang. Es ist unser Turner Peter Paul Alt. Zum Zeichen der Dankbarkeit und Anerkennung wurde ihm für immer Sitz und Stimme im Vorstand gewährt.”

Im Jahr 1905 gründete sich unter dem Dach des Turnvereins eine neue Gesangsriege, zu deren musikalischem Leiter der Lehrer Martin Gesser bestimmt wurde. Obmann der Sänger wurde Isidor Frankfurter, einer der rund 40 Heusenstammer Bürger, die jüdischen Glaubens waren. Frankfurter war zugleich Fahnenträger des Turnvereins, im Jahre 1918 hatte er im Vorstand das Amt des Revisors inne.

Stichwort Gesang und Geselligkeit. Noch einmal die Vereinschronik aus dem Jahr 1905: “14 Tage vor Fastnacht fand eine karnevalistische Sitzung im alten Saale statt, die ohne Zuhilfenahme auswärtiger Kräfte einen urnärrischen Verlauf nahm.”

Zu den überragenden Turnern in den Reihen der Heusenstammer Sportler gehörte in der Zeit nach der Jahrhundertwende Karl Eulenbach. In den Fußstap-fen von Peter Paul Alt wandelnd, erstritt er sich (und damit dem Verein) eine gute Plazierung nach der anderen. Eulenbach war es auch, der 1906 den Impuls zur Gründung einer Fußballriege gab. Wie der Vereinschronik zu entnehmen ist, sank die Zahl der “Zöglinge” (will sagen: der Jugendlichen) im Turnverein kontinuierlich. Um diesen Trend zu stoppen, griff Eulenbach gemeinsam mit Willy Heberer, der zum Obmann und Spielführer der Fußballer gekürt wurde, auf den immer populärer werdenden Sport mit dem runden Leder zurück. In jenen Jahren schossen überall im Land Fußballvereine aus dem Boden. Im benachbarten Offenbach beispielsweise hatte 1901 der Offenbacher Fußball-Club (OFC) “Kickers” das Licht der Welt erblickt. Gespielt wurde freilich nicht nach den heute bekannten Regeln. Meist bestand das Spiel nur aus dem Versuch, den Ball durch den Einsatz körperlicher Kräfte auf einem freien Feld durch zwei Torstangen zu bugsieren.

Die Rechnung Eulenbachs ging auf: Ende 1906 zählte der Verein wieder 143 Mitglieder. Und schon 1907 trat der Heusenstammer Fußballklub Viktoria der Spielriege des Turnvereins bei. Im gleichen Jahr siegte die 1. Mannschaft des TV im Fußballwett-kampf gegen die Hanauer Turngemeinde - ein erster Erfolg...

Auch die Turner stritten weiter um die begehrten Lorbeeren. Darunter Karl Eulenbach, der Jahre später an die Spitze des Turnvereins treten sollte: Beim Feldbergfest im Juni 1907 landete er unter 1.007 Teilnehmern auf dem 27. Platz - ein wahrlich gutes Ergebnis...

In den folgenden Jahren ging es mit dem Turnen stetig bergauf, wie ein Blick in die Vereinschronik aus dem Jahr 1908 zeigt: “Die Mitgliederzahl stieg in diesem Jahr auf 170, ein Zeichen, daß der Turnverein immer mehr Freunde erhält und daß man in Heusenstamm Sinn für die Turnerei hat. Möge das auch in Zukunft immer so bleiben.”

Die Ausrichtung des 34. Gaufestes im Jahre 1908 wurde den Heusenstammern übertragen. Zum Festpräsident kürten diese ihren Ehrenvorsitzenden Benning. Zwei Neuerungen vermeldet die Chronik vor dem Hintergrund dieses sportlichen Großspekta-kels: “Schülerturnen wurde eingeführt und ein Trommlercorps ausgebildet. Die Proben der Turner-innen und Turner, der Schüler und des Trommler-corps erzeugten allenthalben die größte Begeiste-rung.” Dies ist übrigens der Hinweis darauf, daß sich auch Heusenstammer Frauen in der Kunst des Turnens übten.

Der Schriftführer des TV, Franz Heberer, der Architekt der Untermainbrücke in Frankfurt, wurde mit der Gestaltung der Dekoration beauftragt. Er lieferte sogenannte “Ehrenpforten”, eine Straßendeko-ration und die Ausstattung für den Festplatz auf den Seecheswiesen. Die Chronik: “Alles ein Anblick schönster Harmonie.”

Unmittelbar vor dem Turnfest kam es jedoch zu einem tragischen Unfall: “Am Mittwoch vor dem Fest verunglückte der II. Turnwart Anton Grundel beim Ausgrätschen am Ende des Barrens. Die Nacht verbrachte der Verun-glückte im Parlament. Am Donnerstag morgen wurde er in das Kran-kenhaus zu Offenbach gebracht. Schon am Freitag wurde die unvermeidliche Ope-ration und Amputation des linken Armes vorgenommen. 4 Wochen mußte der Kranke im Kranken-haus verweilen. Während dieser Zeit wurde er sehr viel von Mitgliedern des Vereins besucht und allenthalben zeigte man die regste Teilnahme.” Die Anteilnahme am Schicksal Grundels ging soweit, daß der Verein den während des Gaufestes erwirtschafteten finanziellen Überschuß in Höhe von 320 Mark fast komplett dem verunglückten Turner zur Verfügung stellte. Innerhalb weniger Wochen waren laut Chronik mehr als 800 Mark für Grundel gesammelt worden.

“Nur schwer gelang es, die rechte Fest-Stimmung zu erlangen”, heißt es mit Blick auf den tragischen Unfall in der Vereinschronik. Dennoch geriet das Sportspektakel mit seinem umfangreichen Rahmen-programm zu einem vollen Erfolg. Bis sich auch bei diesem Anlaß der Wettergott einmischte: “Am Abend waren ein Unmasse Fremde auf dem Festplatz. Es führten Turnerinnen unter Leitung Eulenbachs Stabübungen auf, als ein Gewitter dem regen Treiben ein Ende machte.” Jedoch: “Karussell, Buden, 3 Bierhallen, ein Café, Apfelwein- und Weinhalle und noch vieles andere sorgten für reichlich Unterhaltung und Abwechslung. 87 hl Bier wurden verzapft.”

Fazit des Vorstandes: “So war das Fest in der herrlichsten Weise verlaufen und hatte bewiesen, daß     in Heusenstamm noch echt turnerisches Leben   herrscht. Möge das auch in aller Zukunft so sein, möge der Turnverein Heusenstamm auch fernerhin frisch, fromm, fröhlich, frei weiterarbeiten zu seinem eigenen und des Vaterlands Nutz und Frommen.”