„Vorwärts immer, rückwärts nimmer“

Im Jahr 1920, Heusenstamm zählte bereits rund 3.000 Einwohner, übernahm Karl Eulenbach als Vorsitzender die Geschicke des Turnvereins. Er war es auch, der fortan die Vereinschronik führte. Seine Berichte, die während der von Arbeitslosigkeit, Inflation und Weltwirtschaftskrise geprägten 20er Jahre, der sogenannten Weimarer Zeit, entstanden, zeichnen sich durch eine besonders bildhafte Sprache aus. Abseits der Berichte über die Aktivitäten der Turner, ihre Erfolge und Niederlagen, versuchte Eulenbach immer wieder die Stimmung in jenen Notzeiten einzufangen. Er schrieb von “grauen Wetterwolken”, die sich “unheilverkündend und gefahrdrohend” am Horizont abzeichneten, berichtete vom “Wüten des Schicksals” und hörte “den Sehnsuchtsruf nach Licht, Glück, Zufriedenheit und Fröhlichkeit” ungehört “wie in der Wüste oder auf sturmgepeitschtem Meer” verhallen. Seine Jahres-berichte schloß Eulenbach stets mit einem Wahlspruch: “Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit!” (1920), “In einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist!” (1922), “Vereinter Kraft gar leicht gelingt, was einer nicht zustande bringt” (1925).

Eulenbachs 13jährige Amtszeit, die erst mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 beendet wurde, begann in einem Jahr, das für die Fußballabteilung des TV wenig erfreuliche Ereig-nisse brachte. Und das, obwohl die Mannschaft (“wider Erwarten”) Gaumeister wurde und in die Liga aufrückte. In der Vereinschronik heißt es: “Leider war es ihr (der Spielriege) nicht vergönnt, Erfolge zu erzielen. Niederlage auf Niederlage erfolgte. Das Ansehen der Mannschaft sank von Tag zu Tag mehr und bei dem Spiel gegen (den) Fußball-Verein Sprendlingen wurde allem die Krone aufgesetzt indem dann nach Spielende eine Schlägerei stattfand. Die Folge davon war, daß seitens des Verbandes die Sperre über unseren Platz verhängt wurde.”

Fortan mußten die an Sonntagen stattfindenden Spiele auswärts ausgetragen werden. Dabei kam es zu einem tragischen Unglück, als der junge Heusenstammer Franz Keller beim Spiel gegen die Union Niederrad unglücklich stürzte und starb. Nur die “Aufopferung” einiger Mitglieder, allen voran die des Obmanns Hans Klemenz, verhinderte laut Eulenbach den Zusammenbruch der Fußballabtei-lung. Erst nachdem im Sommer 1921 die Platzsperre aufgehoben worden war, konnte die Spielriege an frühere Erfolge anknüpfen. Dessen ungeachtet klagte Eulenbach weiterhin über den mangelnden Zusammenhalt unter den Fußballern: “Will man sich hiervon überzeugen, so braucht man nur die Spieler-sitzung Mittwochs abends zu besuchen, wo immer noch nicht alle Mitglieder (Spieler mit dem Spielausschuß) versammelt sind. Dies muß für die Zukunft noch besser werden.”

Weitaus mehr Freude machte dem Vorsitzenden derweil die Gesangsriege, die unter der “rührigen Leitung” ihres Obmanns Anton Grundel “schöne Fortschritte” verzeichnen konnte. Mit gleichem Wohlwollen beobachtete Eulenbach, einst selbst aktiver Sportler und Turnwart, die Entwicklung der Turnabteilung, zu deren erster Garde nach dem Krieg Andreas Lang gehörte. Beim Feldbergfest des Jahres 1921 beispielsweise landete Lang auf dem ersten Platz, ein Erfolg, der einem Heusenstammer Turner zum letzten Mal vor der Jahrhundertwende geglückt war.

Zwischen dem traditionellen “Anturnen” im Mai und dem sogenannten “Abturnen” im Oktober - Anfang und Ende des Turnerjahres - wurde auf dem Sportplatz unter freiem Himmel trainiert. Die um die Jahrhundertwende geäußerte Hoffnung, der Verein möge eine eigene Halle bekommen, hatte sich immer noch nicht erfüllt. Dabei zählte der Turnverein Ende 1920 bereits 303 Mitglieder.

Im Jahr 1921 fand das Gauturnen wieder einmal in Heusenstamm statt. Und wieder hatte der Verein Pech mit dem Wetter: “Wohl hatte der Vorstand bei diesem Fest (an dem 78 Turnerinnen und Turner teilnahmen) ganz besonders auf das finanzielle gerechnet, doch durch die Ungunst des Wetters wurde man enttäuscht.” Blieb in diesem Fall der erhoffte Einnahmeüberschuß für die stets knappe Vereinskasse auch aus: Wenn es darum ging, Mittel und Wege zur Beschaffung von Geldern zu finden, kannten der Einfallsreichtum und die Opferbereit-schaft der Mitglieder keine Grenzen. Eulenbach: “Aber auch auf die finanzielle Seite des Vereins muß hingewiesen werden. Wurden doch im vergangenen Jahr sehr viele Festlichkeiten veranstaltet, um die Ausgaben, die auf das zwanzigfache durch die wirtschaftlichen Verhältnisse gestiegen waren, zu decken. Wir sagen hierfür allen Turnern, Sängern und Spielern für ihre freudige Mitarbeit herzlichen Dank...” Grundsätzlich stellte Eulenbach Ende 1921 fest: “Die Turnerei, welche durch den Krieg Einbußen erlitten hat, lebt überall wieder mächtig auf und so rufen wir hauptsächlich unseren älteren Turnern zu, schickt eure Jungen in die Turnstunde.”

Der Versailler Friedensvertrag (1919) hatte der jungen Weimarer Republik eine schwere Bürde auferlegt. 1921 waren die von Deutschland zu zahlenden Repa-rationen auf 132 Milliarden Gold-mark festgesetzt worden. Schon bald zeigten sich die negativen Folgen dieser Entscheidung: Der Weg führte direkt in die Inflation. Nachdem französische Truppen im Januar 1923 das Ruhrgebiet mit der Begründung, Deutschland komme seinen Zahlungen nicht nach, besetzt hatten, verschärfte sich die Situation auch an den Finanzmärkten. Die Kaufkraft der deutschen Währung sank immer mehr - im Oktober 1923 kostete ein einziger amerikanischer Dollar mehr als 45 Billion Mark.

Vor diesem dramatischen Hintergrund feierten die Heusenstammer Turner 1923 ihr 50jähriges Vereinsjubiläum. Zur Finanzierung des Festes war schon im Januar die Gründung eines speziellen Fonds beschlossen worden. Gleichzeitig hatte der TV einen Festausschuß installiert, der sich in den folgenden Wochen mit organisatorischen Fragen befaßte. Eine erste Spendensammlung erbrachte den “für die damaligen Verhältnisse” (so die Chronik) erstaunlich hohen Betrag von 673.000 Mark. Das Geld wurde für Materialien (Draht, Nägel, Papier etc.) ausgegeben, die zur äußeren Gestaltung des für den 16. Juni geplanten Festes benötigt wurden. Die Chronik berichtet: “Nun häuften sich die Vorarbeiten für das Fest, von dem uns nur noch wenige Wochen trennten. Wegen der schlechten und unsicheren Zeitverhält-nisse mußte fast alles fast bis zuletzt aufgehoben   werden. Besonders war es die mit Riesenschritten fortschreitende Entwertung unseres Geldes, die   eine glatte Abwicklung und Regelung der Geschäfte verhinderte. So kam es, daß unmittelbar vor den Festlichkeiten das Erforderliche nur unter den allergrößten Anstrengungen und nur unter Aufbietung aller verfügbaren Kräfte geleistet werden konnte.”

Wegen der Fülle der geplanten Aktivitäten wurde beschlossen, der Vereinsgründung an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden zu gedenken. Die eigentliche Jubiläumsfeier fand am 16. Juni statt und war so gut besucht, daß nicht alle Gäste im Saal des “Parlaments” Platz fanden. Im Verlauf der Feier wurde dem einzigen noch lebenden Gründer, dem in Offenbach wohnenden Georg Schultheis, eine Ehrenurkunde überreicht. Zahlreiche Heusenstam-mer Vereine - vom Fußball-Verein bis zur Freiwil-ligen Feuerwehr - beteiligten sich an dem Fest. Eine Gedächtnisfeier zu Ehren der verstorbenen Mitglie-der fand am 17. Juni statt. Die Rede zu diesem Anlaß hielt Pfarrer Lorenz Eckstein, der seit 1916 für die Seelsorge in der Kirchengemeinde St. Cäcilia verantwortlich zeichnete. Nach einem Freundschaftsspiel der TV-Fußballer gegen den VfB Marburg, das ausgeglichen 1:1 endete, fand im “Parlament” eine Familienfeier statt.

Die zentrale Veranstaltung am darauffolgenden Wochenende war mit dem 44. Gauturnfest verbunden, das 1923 in Heusenstamm ausgetragen wurde. Eulenbach hielt in der Chronik fest: “In dieser Woche mußten die meisten Vorbereitungen getroffen werden. Eine gewaltige Arbeit war noch zu leisten. Diese wurde sehr erschwert durch den während der ganzen Woche herrschenden strömenden Regen. Schon begannen die Mitglieder mutlos zu werden. Am Freitagabend fand noch einmal eine Generalver-sammlung statt. Doch wurde hier beschlossen das Fest wegen der unsicheren Verhältnisse nicht zu verlegen.” Daß dieser Entschluß richtig war, zeigte sich am Samstagmittag. Die vom Wetter wahrlich nicht verwöhnten Heusenstammer Turner sahen den Himmel aufklaren und die Sonne scheinen. Eulen-bach frohlockte: “Nun stand der beispiellose Erfolg des Festes außer allem Zweifel.”

Gesangsvorträge, Turnvorführungen, Weckruf am Sonntag (um 5 Uhr!), Wettkämpfe, Festumzug (vom Bahnübergang in der Frankfurter Straße durch die Schloßstraße und die Allee zum Festplatz): Aus diesen Zutaten war der Erfolg der Jubelfeier gemacht. Zu diesem Erfolg gehörten auch die erwirtschafteten Einnahmen. Der finanzielle Gewinn in Höhe von rund 30 Millionen Mark wurde nicht zuletzt dadurch ermöglicht, “daß nicht nur die Mitglieder alles unentgeldlich leisteten, sondern auch hiesige Landwirte und Geschäftsleute sich ohne Bezahlung in den Dienst unserer Sache stellten.”

Diese Gelder im Rücken konnte der Verein nun endlich an die Verwirklichung eines über Jahrzehnte gehegten Traumes gehen: den Bau einer eigenen Turnhalle. Und obwohl sich die wirtschaftliche Not in den letzten Wochen des Jahres 1923 weiter verschärfte, wurde bereits am 18. November feierlich der Grundstein gelegt - ein Meilenstein in der Geschichte des TV und mit ein Grund dafür, daß Eulenbach am Ende seiner Betrachtungen zum Jahr 1923 festhielt, es sei ein “Jahr des Aufbaues und des Aufstieges” gewesen. Und für die Zukunft wurde die Losung ausgegeben: “Vorwärts immer, rückwärts nimmer.”

Um die Vereinsfinanzen vor einer weiteren Entwertung zu schützen und damit einen größtmög-lichen Gewinn zu erzielen, entschloß sich der Verein unter Eulenbachs Leitung zu raschem Handeln. Mit den Einnahmen des Jubiläums wurden Steine gekauft - 35.000 an der Zahl. Umgehend wurde ein Bauaus-schuß ins Leben gerufen, an dessen Spitze Hans Klemenz trat. Dieses Gremium hatte keinen leichten Stand, wie ein Blick in die Chronik beweist: “Der Anfang war gemacht, nun mußte noch eine Generalver-sammlung Stellung zu dem Plane des Vorstandes nehmen, die wie zu erwarten war, mit Begeisterung dafür stimmte. Die Kehrseite kam aber, als nur einige Unterschriften gesucht wurden, um eine kleine Anleihe aufzunehmen. Wer in der Versammlung war, wird sich noch erinnern, daß auf einmal die Begeisterung verschwunden war und mancher heimlich den Saal verließ.” Mit Blick auf die finanzielle Notlage vieler Familien, die nicht zuletzt auch zu einem Mitgliederschwund in den Reihen des TV führte, erscheint die Reaktion vieler Turner verständlich. Schließlich konnte eine Unterschrift auf einem Kreditpapier böse Folgen haben...

Dessen ungeachtet gelang es dem Verein, in den Besitz eines Darlehens bei der örtlichen Sparkasse zu kommen. Die Zahlen, die in den Unterlagen zum Hallenbau auftauchen, verursachen Schwindelge-fühle. Zwei Beispiele: Das Holz kostete eineinhalb Milliarde Mark, 36 Billionen Mark flossen dem Fond aus dem Verkauf von Zigaretten durch die Gesangs-riege zu.

Als Architekt des Neubaus fungierte Franz Helm, selbst Mitglied des Turnvereins. Die Arbeiten gingen unter der Federführung von Peter Paul Alt über die Bühne. Die Chronik: “Wir gedachten ursprünglich, die Arbeiten nur durch Mitglieder in freiwilliger Arbeit auszuführen, aber bald mußten wir einsehen, daß wir auf diese Art nicht vorwärts kamen, da auch die Jahreszeit schon weit vorgeschritten war und nur samstags nachmittags hätte gearbeitet werden können: Wir mußten uns deshalb dazu entschließen, Leute einzustellen.”

Bereits Anfang 1924 war die Halle im Rohbau fertiggestellt. Nun fehlte das nötige Geld für die “Schlußarbeiten”. Dank der Vermittlung von Bürgermeister Kämmerer erhielt der Verein ein   weiteres Darlehen, das sich auf 5.000 Mark belief (mittlerweile war die sogenannte Rentenmark eingeführt worden, die dem Wirrwarr der hohen Zahlen eine Ende bereitet hatte). Am 15. Januar 1925 war das Werk vollbracht, die Halle war fertig. Nun stand sie da: 14 Meter lang, 14 Meter breit und acht Meter hoch. Mehr als 45.000 Steine und 16.000 Ziegel waren verbaut worden.

Die Umstellung der Währung in Reichsmark im Oktober ‘24 machte es dem Verein unmöglich, am Ende der Baumaßnahme eine genaue Kostenaufstel-lung vorzulegen. Klemenz, der dieser Frage intensiv nachgegangen war und viel gerechnet hatte, bezifferte die Kosten (nach der neuen Währung) auf rund 18.000 Reichsmark. Davon stammten “nur” 8.000 Reichsmark aus Darlehen: Klemenz: “So können und müssen wir stolz darauf sein, daß wir mehr als diese Summe selbst aufgebracht haben und können mit ruhigem Gewissen über den Eingang zur Turnhalle die Worte schreiben ‘Aus eigener Kraft’.”

Noch im Januar 1925 fand die “vorläufige Einweihung” der neuen Halle statt. Unter dem Klang des Liedes “Turner auf zum Streite” nahm der Verein sein neues Domizil in Besitz. Anfang Juni gab es eine akademische Feier, an der sich auch andere Heusen-stammer Vereine beteiligten, darunter der Gesang-verein Konkordia. Ein großes Festwochenende am 13. und 14. Juni setzte einen glanzvollen Schluß-punkt unter die Jubelfeierlichkeiten. In jenen Tagen übernahm August Bergmann das Amt des Turnhal-lenverwalters. Die damit verbundenen Aufgaben erfüllte er bis 1940. Er starb zwei Jahre später.

Während des Hallenbaus hatte der Turnverein einen entscheidenden Wandel erlebt. Angesichts einer Entscheidung des Deutschen Turntages verließen die Fußballer im Jahr 1924 den Turnverein. Wegen fortwährender Streitigkeiten unter den Verbandsfunk-tionären war auf oberster Ebene die strikte Trennung von Sport und Turnen beschlossen worden. Unter dem Nahmen des Sportvereins 06 fanden die ehemaligen TV-Kicker eine neue Heimat.

Dramatisch wirkte sich laut Eulenbach in jenen Tagen die steigende Zahl der Arbeitslosen auf den Verein aus: Am 1. Januar 1925 wurden noch 272 Mitglieder gezählt. Der Abwärtstrend setzte sich ungeachtet aller Appelle seitens des Vorstandes     weiter fort. Die Ursache lag klar auf der Hand, wie ein Blick in die Chronik aus dem Jahr 1926 zeigt: “Über die Hälfte unserer Mitglieder hatte unter der Arbeitslosigkeit zu leiden.”

Trotz oder gerade wegen der wirtschaftlichen Sorgen florierte das sportliche und gesellschaftliche Leben - auch im Kreis Offenbach. Immer wieder fanden regionale und überörtliche Turntage statt, Wett-kämpfe, Konzerte, Feierlichkeiten. Am 13. März 1927 beispielsweise ging im Saal des “Parlaments” der Gausängertag über die Bühne.

Zu den überragenden Turnern in jenen Tagen zählten Leonhard Keller, Heinrich Sahm, Johann Horch, Karl Weinmann und Andreas Lang (um nur einige zu nennen). Und auch dies gehörte zum Vereinsleben: Als der Ehrenvorsitzende Karl Benning und das Ehrenmitglied F. Rebell 1925 ihr 50jähriges TV-Jubiläum feierten, wurden sie mit einer besonderen Feier geehrt. Als Geschenk erhielten beide jeweils einen Sessel - wohl um sich in alten Tagen von den Anstrengungen des Turnerlebens ausruhen zu können. Umgekehrt bedachten die Mitglieder auch ihren Verein: Anton Grundel, Karl Benning II, Christian Thon, Philipp Büttner und Philipp Graf, die 1927 auf eine 25jährige Vereinszugehörigkeit zurückblicken konnten, stifteten den Turnern “eine sehr schöne Jahnbüste”. Und wieder findet sich ein Stück Heusenstammer Geschichte in der Chronik: Als am 9. Oktober 1927 auf dem Friedhof der Gedenkstein für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges enthüllt wurde, brachte die Gesangsriege des Turnvereins die bekannte Weise “Ich hatte einen Kameraden” zu Gehör...

Während Martin Gebhardt 1928 die Funktion des Turnlehrers übernahm, rief Anton Grundel, der lange Jahre das Amt des Zeugwarts inne hatte, eine Schülerabteilung ins Leben. Dies brachte dem Verein immerhin 35 neue Mitglieder, die unter der Leitung eines Turnlehrers “eine richtige Körperpflege durchmachen” durften... 1928 war auch das Jahr, in dem das Deutsche Turnfest in Köln stattfand. Laut TV-Chronik marschierten 35.000 Turnerinnen und Tur-ner bei diesem sportlichen Großereignis auf, darunter auch rund 40 Heusenstammer. Mit 84 Punkten er-reichte Leonhard Keller im Fünfkampf den 33. Platz.

Zwei weitere Veranstaltungen rundeten das Jahr 1928 aus Sicht der Heusenstammer Turner ab: Im August fand das erste Gaukinderturnfest statt, an dem sich unter Leitung Grundels elf Schüler aus den Reihen des TV beteiligten (im darauffolgenden Jahr erhielt die Jugendgruppe weiteren Zuwachs, bald wurden mehr als 50 Schüler gezählt). Im Oktober ‘28 schließlich wurde des 150. Geburtstages des “Turnvaters” Jahn gedacht. Peter Paul Alt, der in diesem Monat sein 50jähriges Vereinsjubiläum feierte, erhielt in guter TV-Tradition einen Korbsessel für ruhigere Tage.

Das Jahr 1930 brachte nach den Worten Eulenbachs eine weitere Verschärfung der Not. Im Januar 1931 blickt er zurück: “Das alte Jahr hatte uns auf wirtschaftlichem Gebiet bittere Erfahrung gebracht, waren doch am Ende des Jahres 4 1/2 Millionen arbeitsfreudige deutsche Volksgenossen ohne Arbeit, darunter auch ein großer Teil von unseren Mitglie-dern. Unser innigster Wunsch ist, daß bald bessere Zeiten eintreten zum Wohl der Arbeitslosen sowie unserem ganzen deutschen Vaterland.”

Als großen Vorteil für den Verein bezeichnete der Vorsitzende die interne Jugendarbeit: “Die unter Leitung des Turners Anton Grundel stehende Knabenabteilung hat nun einen Bestand von 60 Schülern erreicht. Auch eine Mädchenabteilung wurde gegründet und zählt dieselbe schon 40 Schülerinnen.” Dank dieser Kinder und Jugend-lichen hatte die Mitgliederzahl wieder die 300er-Marke übersprungen. Am 1. Januar 1931 wurden   insgesamt 270 eingetragene Turner gezählt, dazu kamen 100 Jugendliche.

Neben der Gesangsriege, deren Übungsstunden laut Eulenbach von einigen Mitgliedern leider nur sehr unregelmäßig besucht wurden, sorgte ab 1930 auch der “langersehnte” Trommlerchor für musikalische Unterhaltung. Die Leitung dieses Ensembles lag in den Händen von Karl Spahn aus Offenbach. Auch in sportlicher Hinsicht ging es durchaus erfolgreich weiter. Das Feldbergfest des Jahres 1930 bescherte den Heusenstammer Turnern dank Adolf Daus jun. einen hervorragenden 16. Platz (bei 670 Teilneh-mern). Daus war es auch, der bei dem im gleichen Jahr über die Bühne gegangenen Gauturnfest in Hanau den zweiten Platz bei den Dreikämpfern erreichte.

Auch das nächste Jahr brachte keinen Aufschwung im Land. Eulenbach: “Das Jahr 1931 dürfte uns allen zeitlebens in Erinnerung bleiben. Nicht nur unserem Verein, sondern auch allen deutschen Volksgenossen zumal schon zu Beginn des Jahres die Arbeitslosig-keit immer größere Dimensionen annahm. Mit ihr zog die Not ein und bange Sorgen er-füllte die Herzen aller. Handel und Wandel lagen darnieder. Alte und große Geschäfte mußten ihre Pforten schließen... Die Statistik zählt infolge dieser Wirtschaftskrise 51/2 Millionen Arbeitslose und fast drei Millionen Kurzarbeiter. Von dieser Wirtschaftskatastrophe wurden auch viele unserer Mitglieder heimgesucht.” Eine Folge dieser Entwicklung war, daß die Heusenstam-mer Turner mangels finanzieller Mittel den Feldberg-Turntag des Jahres 1931 nicht besuchen konnten...

Der 24. Januar 1932 ging in die Vereinsgeschichte ein. Dabei unterschied sich die Versammlung, die an jenem denkwürdigen Tag im Saal des “Parlaments” stattfand, nicht von jenen Mitgliedertreffen, in deren Verlauf alljährlich der Vorstand neu gewählt wurde. Das Besondere dieser Zusammenkunft, aus der einmal mehr Eulenbach als Vorsitzender des Turnver-eins hervorging, war freilich erst im Rückblick zu erkennen. Kaum einer der Anwesenden dürfte geahnt haben, daß er auf Jahre hinaus zum letzten Mal Einfluß auf die Zusammensetzung des Vorstandes hatte nehmen können. Denn wie in der Politik, war es auch in den Vereinen mit den freien und geheimen Wahlen bald vorbei. Ab 1933 bestimmten die Nationalsozialisten in allen Bereichen der Gesell-schaft über die Besetzung leitender Gremien: Aus dem Vereinsvorsitzenden wurde der Vereinsführer. Gleichschaltung lautete die Devise...