„Turner in des Kaisers Rock“

“Des Vaterlands Nutz und Frommen”: Diese Worte des Chronisten bekamen eine eigentümliche Bedeutung, als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg über Europa hereinbrach. Von den 60 Toten, die Heusenstamm in diesem Inferno zu beklagen hatte, gehörten 26 dem Turnverein an. Schon 1912 heißt es in der Chronik: “Jetzt kam die Zeit, da einige Turner uns verlassen mußten, um des Kaisers Rock zu tragen.”

Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges konnte der Heusenstammer Turnverein den wohl größten Erfolg seit seiner Gründung feiern. Interessant sind die Worte des Chronisten nicht zuletzt deshalb, weil sie die Stimmung in der Bevölkerung am Vorabend des Ersten Weltkrieges erahnen lassen. Es lag etwas in der Luft: “Eine besondere Erwähnung im Turnjahr 1913 verdient das 12. Deutsche Turnfest zu Leipzig. In Leipzigs blutgetränkten Gefilden, in denen der Grund für unser geliebtes Deutsches Vaterland gelegt wurde (gemeint ist die Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813), im Schatten des majestätischen Völkerschlachtdenkmals, versammelten sich vom 12. - 16. Juli 1913 Deutschlands Turner-söhne, um in friedlichem Kampfe um den Eichen-kranz zu ringen. Zum I. Male seit Gründung unseres Vereins wagten auch zwei unserer jungen Kämpen, daran teilzunehmen, Andreas Lang und Jakob Helm. Zum erstenmale gelangte ein Preis eines deutschen Turnfestes in unsere Mauern, Andreas Lang errang im Sechskampf mit 77 Punkten den 50. Preis. Als diese Nachricht sich verbreitete, da wurden nicht nur Turnerherzen, nein die ganze Gemeinde von einem mächtigen Jubel erfaßt. Als der siegreiche Turner und die übrigen Festbesucher in der Heimat eintrafen, wurde allen ein begeisterter Empfang bereitet. Vom Bahnhof bewegte sich unter Musik ein Zug durch die Straßen zum Parlament, wo noch einige fröhliche Stunden dem Sieger und dem Verein gewidmet wurden.”

Stichwort Völkerschlacht: Auch in Heusenstamm fand am 18. Oktober 1913 eine Jahrhundertfeier statt, an der sich “die hiesigen Vereine” beteiligten. Die Chronik: “Hundert Jahre waren nun verflossen, seit der herrschsüchtige Kaiser Napoleon Bonaparte von den vereinigten europäischen Mächten in der 3tägigen Völkerschlacht bei Leipzig niedergerungen war... Auch der TV verschönte diesen denkwürdigen Tag durch turnerische Vorführungen.”

Das Kriegsjahr 1914 begann für die Heusenstammer Turner mit einer gravierenden Änderung. Die Gräfliche Verwaltung kündigte dem Verein den Sportplatz am Schäferhof. Gleichzeitig wurde den Turnern jedoch ein neues Areal an der Kreisstraße nach Obertshausen zur Verfügung gestellt. Da Lage und Beschaffenheit dieses Geländes auf allgemeine Zustimmung trafen, beschloß der Vorstand um Nikolaus Held, diesen neuen Turnplatz zu pachten. Doch kaum hatte das Gremium am 27. Juli das Programm für die Einweihung der neuen “Turnarena” festgelegt, da erschütterten “weltbewegende Geschehnisse” auch das Leben der Heusenstammer. Am 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Vor diesem Hintergrund heißt es in der Vereinschronik: “Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß die Arbeit im und am Verein vor diesen übermächtigen Begebenheiten zurücktreten mußte. Sein Stolz und seine Zierde stand draußen in Deutschlands Heldenkampf und die wenigen daheim hatten andere Aufgaben. So mußte notgedrungen der Turnbetrieb vorerst gänzlich eingestellt werden.”

In einer gut besuchten Mitgliederversammlung Ende August beschlossen die Anwesenden, 1.000 Mark aus der Vereinskasse für notleidende Familien zur Verfügung zu stellen. Zwar wurde Anfang des Jahres 1915 noch einmal der Versuch unternommen, das Turnen wieder aufleben zu lassen, wenig später jedoch kam das definitive Aus, “da infolge der Fortdauer des Krieges alle aktiven Turner eingezogen worden waren”. Der Verein verpachtete den Sportplatz an einen Dritten.

Während sich im Laufe des Krieges auch die Situation an der Heimatfront dramatisch verschlechterte, und nach Angaben des TV-Chronisten fortan das bislang unbekannte Wort “Entsagung” in “dürren Lettern am Lebensweg stand”, versuchte der Verein den Kontakt zu den zum Militär einberufenen Mitgliedern aufrecht zu erhalten. Erstmals zum Weihnachtsfest 1914 wurden Feldpostpakete versandt, die den Empfängern zumindest “eine kleine Freude” bereiten sollten.

Die Jahre vergingen, die Liste der Gefallenen wurde länger. Bis es 1918 endlich hieß: “Bald war das Ende der Tragödie erreicht”, so die Chronik der Turner. Fast trotzig, dem Zeitgeist und dem Zerrbild der “Dolchstoßlegende” entsprechend, derzufolge die Politik ein erfolgreiches Ende aus Sicht Deutsch-lands verhindert hatte, fügte der Chronist hinzu: “Erschöpft, nicht besiegt, kehrten die Streiter in die Heimat zurück.”

Nachdem der Kaiser am 9. November 1918 abgedankt hatte und die Republik ausgerufen worden war, begann, begleitet von revolutionsartigen Ausein-andersetzungen, überall im Land der Wiederaufbau. Auch in den Reihen der Heusenstammer Turner regte sich in jenen Tagen neues Leben. Bereits am 3. Dezember wurde ein neuer Vorstand gewählt, an dessen Spitze Hans Klemenz stand. Mangels Eintragungen in die Chronik während des Jahres 1919 bleibt unklar, wie sich dieser Neuanfang gestaltete. Anfang 1920 heißt es: “Ein Jahr der Freude aber auch der mühevollen Arbeit und Sorge liegt hinter uns... Gar mächtig hat sich unser Verein entwickelt und stellt die Leitung vor immer größere Probleme.”

Gefallene und vermisste Vereinsmitglieder des 1. Weltkriegs