„Das Schmerzlichste ist der Verlust“ (1945-1948)

Für die einen waren sie Befreier, die anderen sahen in ihnen Besatzer. Sieger waren sie auf jeden Fall. Die Rede ist von den amerikanischen Soldaten, die am 26. März 1945 in Heusenstamm einmarschierten. Vorbei der Horror der Bombennächte, vorüber der Wahnsinn namens Volkssturm. Während der Krieg in anderen Landesteilen noch einige Wochen weiterging, konnte vor Ort eine Bilanz des “Tausendjährigen Reiches” gezogen werden: 149 gefallene, 114 vermißte Soldaten, sieben Ziviltote und die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns...

Eine Welt lag in Trümmern. Dies galt nicht nur mit Blick auf die sichtbaren Zerstörungen (rund 250 Häuser in Heusenstamm waren leicht bis schwer beschädigt), dies schloß auch das politische und gesellschaftliche Leben in der Gemeinde ein. Während Albert Rebell von der amerikanischen Kommandantur Ende März zum kommissarischen Bürgermeister ernannt wurde und damit zumindest die Verwaltung wieder auf die Beine kam (Rand-notiz: Rebell wurde schon nach 14 Tagen durch Martin-Josef Heberer ersetzt), blieb jedes Engagement in einem der Vereine strikt untersagt.

Als 1948 der Gründung des Heusenstammer Turnvereins vor 75 Jahren gedacht wurde, fand der damals 64jährige Anton Grundel folgende Worte über die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: “Die Zukunft lag wie eine Finsternis vor uns, und niemand wußte, was die Zukunft, die die Besatzungsmächte für uns bestimmten, bringen wird. Wie die deutschen Städte und wie die deutsche Wirtschaft, so lag auch der deutsche Sport zerstört am Boden.”

Da eine Vereinschronik im bisher üblichen Stil nach 1945 nicht mehr geführt wurde, müssen andere Quellen zur Rekonstruktion der Nachkriegs-geschichte herangezogen werden. In der Festschrift, die zum 90jährigen Turner-Jubiläum 1963 vorgelegt wurde, heißt es: “Aber nun galt es, nicht zu resignieren. Die Zurückgekehrten gingen an die Arbeit, um den Verein allmählich wieder aufzubauen und auf eine neue Grundlage zu stellen. Diesem Vorhaben standen allerdings viele Schwierigkeiten im Wege. Vorerst noch waren alle Vereinigungen oder Neugründungen durch die Alliierte Militärkommission verboten. Erst nach und nach wurden die strengen Bestimmungen der Besatzungsmächte gelockert.”

Im November ‘45 - das Turnen war noch immer nicht erlaubt - fand im Gasthaus “Zum goldenen Löwen” eine wichtige Versammlung statt. “Nach vorausgegangenen Besprechungen innerhalb der Vereinsvor-stände”, so Zeitzeuge Grundel, wurde vom Turnverein, dem Fußballsportverein, der Freien Turnerschaft und der DJK (katholische Jugend) eine gemeinsame Sportbewegung aus der Taufe gehoben: die Turn- und Sportvereinigung 1873 Heusenstamm erblickte das Licht der Welt. Sie vereinte jahrzehntelange Tradition unter einem neuen Namen. Zum Vorsitzenden wurde Heinrich Heberer gewählt. In der Festschrift des Jahres 1963 heißt es rückblickend: “Der neugebildete Verein entwickelte sich bald zu einem mächtigen Faktor in der Turn- und Sportbewegung und fand durch beachtliche Erfolge im Turnen und im Fußballsport Ansehen und Anerkennung über unsere engere Heimat hinaus.”

Daß der Zusammenschluß der sporttreibenden Vereine in Heusenstamm durchaus als weitblickend bezeichnet werden kann, beweisen folgende Worte Grundels, die er mit Blick auf das 1. Kreisfest der Turner im Jahre 1947 fand: “Überall gab es ein freudiges Wiedersehen unter den alten Turnern. Die großen Stadtvereine fehlten noch. Ihre Teilnahme war noch nicht möglich. Sie standen noch im Kampf um die Selbständigkeit ihres Vereins, die ihnen in Bezug auf die große Vergangenheit und Tradition heilig war.” Will sagen: Neugründungen, und bestanden sie auch aus mehreren alten Vereinen, hatten offenbar eher eine Chance, genehmigt zu werden, als die Wiederaufnahme des Turnbetriebs in einem schon lange existierenden Verein. Beim 2. Kreisfest, das 1948 in Jügesheim über die Bühne ging, waren dann allerdings alle Vereine “aus Stadt und Land” wieder vollzählig vertreten.

Die ersten Gemeindewahlen, die am 27. Januar 1946 stattfanden, bescherten der SPD 920 Stimmen. Für die CDU votierten 874 Wahlberechtigte, die KPD wurde von 245 Personen unterstützt. Karl Fauerbach wurde zum Bürgermeister gewählt. Nachdem das Betätigungsverbot aufgehoben, die Turnhalle von aus Offenbach herbeigeschafften Möbeln geräumt und zumindest weitgehend wieder hergestellt worden war, konnte die TSV am 10. Mai ‘46 zu einer ersten “turnerischen Zusammenkunft” einladen. Unter der Regie des alten und neuen Turnlehrers Martin Gebhardt begrüßten die Heusenstammer die Mitglieder der Turngemeinde Eintracht aus Frank-furt. Grundel erinnerte sich 1948: “Nach einem regelmäßigen Turnunterricht konnte in demselben Jahr im November unter Mitwirkung der Ernst-Winter-Riege, darunter der Olympiasieger Konrad Frey aus Kreuznach, der erste Turnabend stattfinden, der durch die guten Leistungen und schönen Darbietungen der Turner und Turnerinnen einen schönen Verlauf nahm.” Zu den überragenden TSV-Turnern in den Nachkriegsjahren avancierten Heinz Höf und Heinz Horch, die immer wieder große Erfolge verbuchen konnten.

Da sich die neue Vereinigung auch in ihrem Namen auf die Gründung des Turnvereins im Jahre 1873 bezog, konnte der Verein 1948 sein 75jähriges Bestehen feiern. Daß Grundel, der als Laudator gewonnen werden konnte, sein Manuskript in einem zentralen Punkt kurzfristig hatte ändern müssen, lag an dem traurigen Umstand, daß unmittelbar vor dem Fest Karl Peter Benning gestorben war. Eigentlich hatte Grundel sagen wollen: “Mit besonderer Freude und Stolz erfüllt es uns am heutigen Abend, und ist es als ein glückliches Ereignis zu bezeichnen, daß unser allbewährter Turnerführer Karl Peter Benning am heutigen Abend infolge seines gesegneten Alters mit über 88 Jahren auf eine fast 73jährige Mitgliedschaft zurückblicken kann, und somit fast die gesamte Vereinsgeschichte durchlebt hat.” Nun aber blieb Grundel nichts anderes übrig, als das “überraschende Ableben” Bennings zu bedauern.

Daß die Jubiläumsfeier des Vereins nicht in einem dem Anlaß entsprechenden Rahmen stattfand, lag laut Grundel an den Ereignissen der Kriegsjahre: “Das Schmerzlichste von allem ist für uns der Verlust unserer aktiven Turner, die alle bis auf einen kleinen Bruchteil Opfer dieses furchtbaren Krieges geworden sind... Aber auch das schöne klingende Spiel und die Fanfaren unseres aus 32 jungen Turnern bestehenden Spielmannszuges, das uns allen noch in schönster Erinnerung ist, hören wir bei dieser heutigen Feierstunden nicht... Unsere Sängerriege, die stärkste und älteste Abteilung des Vereins: Auch ihre schönen Melodien vermissen wir heute bei diesem besonderen Festabend, was jeden Turner auf das Schmerzlichste berührt.”

Ungeachtet der tragischen Einzelschicksale und trotz aller Anfangsprobleme kam die Vereinsführung 1963 im Rückblick zu der Einschätzung: “Die Saat, die 1873 einige beherzte Männer in die Erde legten, hat trotz aller Widerwärtigkeiten durch Kriege, Inflation, Deflation und Währungsreformen in diesen 75 Jahren gute Früchte getragen.”