„Ein glänzender Verlauf“

Waren aus Sicht der Gemeinde Heusenstamm die Verleihung eines eigenen Wappens (1952) und das Erlangen der Stadtrechte (1959) die herausragenden Ereignisse der im Zeichen des Wirtschaftswunders stehenden 50er Jahre, so gehörten für die TSV folgende Begebenheiten zu den zentralen Vorkommnissen: Im Jahre 1953 konnte der noch junge Verein das 80jährige Bestehen seiner Turnabteilung feiern. Das Fest, das Chronisten zufolge “einen glänzenden Verlauf” nahm, bescherte der TSV einen ansehnlichen Reingewinn, der der Vereinskasse zugute kam. Die finanziellen Einnahmen trugen dazu bei, daß im darauffolgenden Jahr an die seit langem geplante Erweiterung der Turnhalle gegangen werden konnte.

Unter der Leitung von Willi Späth begannen Vereinsmitglieder mit dem Erdaushub: Eigenleistung lautete die Devise. Als Vorsitzender des Bauauschusses fungierte Anton Spohn, die Pläne selbst stammten von dem Architekten Ludwig Baum. Das Richtfest konnte am 27. November 1954 gefeiert werden. Der Wert des Rohbaus wurde von der Brandversicherungskammer Darmstadt auf 30.800 Mark beziffert. Rückblickend urteilte der Vorstand 1963: “Damit hatte der Verein endlich sein eigenes Heim. Für unsere Turner war eine geräumige Übungsstätte und zum Nutzen der Allgemeinheit ein stattlicher Saal für kulturelle Veranstaltungen entstanden.” Dieser ersten Hallenerweiterung folgte 1965 eine weitere. Auch die Fußballabteilung schuf sich ein eigenes Domizil: das Vereinsheim an der “Alten Linde”.

Das dritte einschneidende Ereignis während der 50er Jahre sorgte in den Reihen der TSV für große Trauer: Am 1. Januar 1954 starb Anton Grundel im Alter von 69 Jahren. Sechs Turner trugen den Sarg des Mannes, der trotz der schweren Verletzung, die ihm das Turnen beschert hatte, über Jahrzehnte seine ganze Kraft in den Dienst des Vereins gestellt hatte.

1954 war auch das Jahr, in dem Adam Holzamer die Leitung der TSV übernahm. Nach Heinrich Heberer, Karl Wilhelm und Karl Vogel war Holzamer, der schon in jungen Jahren den Weg zum Turnverein gefunden hatte und auf eine Reihe von Siegen während der ersten Kriegsjahre verweisen konnte, der vierte Vorsitzende seit der Gründung der Vereinigung. Bis zu seiner Wahl, die einstimmig erfolgte, hatte er das Amt des Schriftführers ver-sehen.

Zu den sportlichen Leistungsträgern des Vereins gehörten in jenen Jahren des Aufbaus Heinz Höf, der 1951 Hessenmeister im Zwölfkampf geworden war, und Heinz Horch, der 1952 in Höfs Fußstapfen trat. 1958 erhielten die beiden TSV-Sportler das Deutsche Turnerkreuz in Gold, eine besondere Ehre. Die Heusenstammer Karl Heberer und Heinz Sahm konnten sich über die gleiche Auszeichnung in Silber freuen. Parallel zu den Turnern feierten auch die TSV-Fußballer große Erfolge. Zu der Mannschaft gehörten in jenen Jahren Helmut Preisendörfer, Walter Zimmermann und Karl Sperl.

In den 50er Jahren erschien ein Mann auf der Bildfläche, der landesweite Beachtung fand und für lange Zeit zur ersten Garde der deutschen Turner zählen sollte. Sein Name: Willi Jaschek. Sein erster großer Erfolg: 1960 wurde er Hessischer Juniorenmeister im Kunstturnen. Weitere Stationen auf Jascheks Straße zum Erfolg, die schließlich auch zu den Olympischen Spielen nach Tokio (1964) führte: Deutscher Juniorenmeister (1960), Vierter im Olympischen Zwölkampf bei der Deutschen Meisterschaft (1962), Dritter im Olympischen Zwölkampf bei der Deutschen Meisterschaft (1963), Hessenmeister (1964). Das Besondere bei den Wettkämpfen, die im April ‘64 in Wiesbaden stattfanden, war, daß auf den vier ersten Plätzen nur Heusenstammer Turner zu finden waren. Neben Jaschek waren dies: Winfried Glaser, Gerhard Hofmann, der Hessische Kunstturnmeister des Jahres 1961, und Werner Becker.

Als Wegbereiter für Jascheks ausgezeichnete Leistungen machte sich Heinz Höf, mittlerweile zum Gaukunstturnwart avanciert, einen Namen. “Ihm ist es vor allem zuzuschreiben, dass unter unserer jungen Turnerelite ein echter turnerischer Geist herrscht”, urteilte die Vereinsführung 1963. Daß Höfs Begabung über die Grenzen Heusenstamms hinaus anerkannt wurde, dokumentiert seine spätere Berufung zum Übungs- und Abteilungsleiter des Deutschen Turnerbundes.

Als 1963 das 90jährige Bestehen der TSV gefeiert wurde, war die Zahl der Mitglieder bereits auf mehr als 600 angestiegen. Der permanente Mitglieder-zuwachs hatte die Wahl eines “Geschäftsführenden Vorstandes” erforderlich gemacht. Diesem Gremium gehörten im Jubiläumsjahr neben dem 1. Vorsitzen-den Adam Holzamer auch der 2. Vorsitzende Philipp Wurm, der 3. Vorsitzende Hans Köhler, der Haupt-kassierer Hans Paul und der Schriftführer Helmut Kämmerer an. Neben der Turnabteilung bestand die TSV seinerzeit aus einer Fußballabteilung, dem aus der früheren TV-Sängerriege hervorgegangenen Gesangsquartett, dem Spielmannszug und der Frauenabteilung. Letztere wurde von Anna Siegler geleitet.